CD-Rezension: Jessnes: What the Folk?

 

JESSNES – Das ist STEAMFOLK unter Hochdruck

Verloren im Jahre 1899 & doch nicht … passend zu keiner Welt rotieren wir als kleines Rädchen in den niemals geschehenen Facetten synthetisch abgepackter Zeit – der Whisky, welcher in purer Klangliebe reifte – rhythmisch gewälzt in den wirren Freigeistern unseres Aethers zum mechanischen Klicken vollmundiger Farbenvielfalt.

„The Steamy Way Of Folk“ ist unser Lebensstil, dabei statten wir nicht nur dem Irenlande wegen den berüchtigten Pubs einen Besuch ab, sondern wagen auch reißerisch bis träumerische Zeppelinfahrten nach Russland, Frankreich, Asturien, dem Orient oder zu Nomaden auf Kutschendächern oder tauchen gar ab in die reinste Fantasie oder Ambitionen unserer Besatzung.

Wir sind eine fünf- bis sechsköpfige Band bestehend aus allerhand urtümlichem Instrumentarium, so z.B. Gesang, Strohgeige, Violine, Bratsche, Blockflöte, (E-)Gitarre, Djembe, Cajon und Davul, welche auf teslabetriebene und vor allem entsprechend gestaltete Synthie- & Keyboardklänge treffen.

– Mehr als nur heißer Dampf!“

So beschreiben sich Jessnes selbst und auch der Titel ihres neuen Albums verspricht eine Reise durch den Folk: „What the Folk. In vierzehn Episoden um die Welt“ Wir haben uns die Platte einmal genauer angesehen und Teilen hier unsere Eindrücke mit.

Tracklist:

  1. La Vie Antérieure
  2. What the Folk?
  3. Irish Nights
  4. Asturias
  5. Sa Gorami, Sa Dolami
  6. Quen A Omagen Da Virgen
  7. Tam Lin
  8. I’ve Been Working On The Railroad
  9. Under Der Linden
  10. L’Orient Estelle
  11. Schwarzer Rabe
  12. Aetherlaezy
  13. Kalinifta
  14. Finalis

„La Vie Antérieure“ begrüßt den Zuhörer mit den Klängen einer Spieluhr, die bald darauf von der Geige aufgenommen und in getragenem Walzertakt fortgesetzt wird. Beim Text handelt es sich um ein Gedicht von Charles Baudelaire, der zu Lebzeiten ein fleißiger Übersetzer von Werken Edgar Allan Poes aus dem Englischen ins Französische war.

Es folgt sogleich das Stück, dass dem Album seinen Namen gab: „What the Folk?“ und wie der Zusatz „Steampirates“ schon vermuten lässt, geht es ans (oder vielleicht auch übers) Meer. Text und Komposition stammen von McDrok, aber dem geneigten Hörer werden Ähnlichen zu einem ganz bestimmten Piratenlied auffallen. „Fifteen gremlins on an empty chest…“ Na, klingelt‘s? Im Gegensatz zum Seeräuberklassiker klingt Jessnes Kreation aber deutlich fröhlicher. Allerdings steht der schnörkelige Gesang Lucinde el Ayas in starken Kontrast zum Inhalt des Liedes und besonders Zeilen wie „Our beards are rough, harr harr“ wären vielleicht passender aus der rum-rauchigen Kehle eines Freibeuters.

Nachdem die Erzählung von „What the Folk?“ ein unerwartetes Ende findet, geht es hinein in irische Nächte. Getragener Rhythmus und Geige ergeben einen wunderbar traditionellen Folksound und hier passt auch die Glockenklare Sopranstimme hervorragend hinein. Wie so mancher Abend im Pub wird aus dem erst gemächlicheren „Irish Nights“ ein Tanz auf den Tischen und wer nicht mindestens mit dem Fuß mitwippen muss, dem ist nicht mehr zu helfen. Mitklatschen und Tanzen ist angesagt, während Roma Díhn ihr Können auf der Geige beweist.

Bei „Asturias“, dem ersten gesangsfreien Stück des Albums, darf sich ebenfalls bewegt werden. Während sich der gewaltige Klangteppich fast schon tranceartig ausbreitet und von treibendem Rhythmus zu weitschwingenden Tönen aller Instrumente wandert, übernimmt die Geige jedoch weiter den führenden Ton.

Mit „Sa Gorami, Sa Dolami“ wird es zum Klavierklang von Proff. Raynr wieder ruhiger und die Ballade entführt den Hörer in die großen Weiten Russlands.

Das folgende „Quen A Omagen Da Virgen“ dürfte Besuchern von Mittelaltermärkten durchaus bekannt vorkommen, stammt es doch aus der Cantiga de Santa Maria, eine der größten mittelalterlichen Liedersammlungen für die Heilige Maria. Hier wurde es jedoch von Jessnes neu arrangiert. Besonders in diesem Stück kommt der engelsgleiche Sopran Lucinde el Ayas zur Geltung und verursacht Gänsehaut, wenn er sich in ungeahnte Höhen aufschwingt.

„Tam Lin“ motiviert als zweites instrumentales Stück erneut zum Tanzen, fordert aber durch wechselnde Rhythmen und steigendes Tempo von Tänzern und Musikern einiges ab, was letztere jedoch mit Bravur meistern.

Jessnes beim Steampunk Picknick, WGT 2016

Apropos Tempo: „I’ve been working on the Railroad“ lässt uns in die Zeit des amerikanischen “Go West” reisen und damit zum Bau der Eisenbahnen, die sowohl das Tempo der Zeit, als auch dieses Songs bestimmen.

Der zweite Ausflug in die entferntere Vergangenheit führt uns ins deutsche Mittelalter zur bekannten Größe Walther von der Vogelweide. Die Jessnes Interpretation von „Under der Linden“ kommt sehr klar daher und verzichtet auf große Schnörkel, was dem Lied mehr als gut tut und einen Ausgleich zu den vorangegangenen Stücken schafft.

Verheißungen einer Wüstennacht verspricht „L’Orient Estelle“. Das Lied aus der Feder von Lucinde el Aya besticht vor allem durch die, in den Strophen, sehr zurückgenommenen Melodieinstrumente und die dafür umso ausgeprägteren Percussions.

„Schwarzer Rabe“ beschwört nun mit dem traditionellen russischen Stück Bilder von tiefen Wäldern, Babuschkas und Männern mit Pelzmützen herauf. Auch ohne ein Wort zu verstehen, weiß man, wohin das Lied einen bringen möchte und erzählt von der tiefen Traurigkeit des Todes und des Kriegs.

Gut, dass darauf mit „Aetherlaezy“ ein Song folgt, der uns durch Rhythmus und Gesang langsam aber stetig zum Fahrenden Volk bringt. Einzelstimme wechselt mit Chorälen und eröffnen bei simplen Text eine große musikalische Bandbreite, arrangiert von Robi Robo R0dbrSt.

Mit „Kalinifta“ geht es vom Balkan nach Griechenland, wo wir zu flottem Rhythmus und Flöte einen eingängigen Mitsingsong zu hören bekommen.

Im Anschluss fährt nun der Zug ab zum letzten Lied des Albums, diesmal wieder komplett aus der Feder von Jessnes: „Finalis“. Der Text ist eingängig und enthält ein gutes Stück Gesellschaftskritik. Treibender Sound im Rhythmus der Lokomotive, inklusive E-Gitarre macht den Song zum krönenden Abschluss.

Foto + Bearbeitung: Jörg Friebe, lausitz-bild.de


Zusammenfassung:

„What the Folk?“ ist ein bunter Mix aus traditionellem Liedgut aus aller Herren Länder und Eigenkreationen der Band Jessnes. Dem Untertitel „in vierzehn Episoden um die Welt“ wird das Album mit seiner Bandbreite mehr als gerecht und dehnt den Begriff Folk, den man häufig allein mit Irischer oder Schottischer Musik in Verbindung bringt deutlich weiter aus. Bei der Auswahl der Lieder wurde bewusst auf weniger bekannte Songs zurückgegriffen, trotzdem erkennt man das eine oder andere wieder, es bekommt aber durch die Neuinterpretation neuen Pfiff.

Musikalisch besticht die große Spanne an Instrumenten, allein die Aufzählung am Ende des Booklets lässt einen schwindeln und manchmal auch ein bisschen die Stirn runzeln, was das wohl für ein Instrument sein mag. Allerdings sorgt die Dichte an hohen Tönen, insbesondere die Kombination von Geige und Soprangesang, leider häufiger dazu, dass der Text schlecht zu verstehen ist. Auch fehlt ein tieftönender Unterbau, ist doch die Percussion oftmals alleine im Bassbereich unterwegs, was das Zuhören auf Dauer etwas anstrengend machen kann. Dabei zeigt die Leadsängerin in „“L’Orient Estelle“, dass ihr auch durchaus tiefere Tonlagen liegen.

Nichtsdestotrotz können Jessnes gerade in den schnelleren Stücken ihre Stärken und ihr Können ausspielen und zeigen, dass sie eins besonders gut draufhaben: Zum Tanzen und Mitmachen anregen.

An dieser Stelle muss ich noch ein paar Worte zur Album Gestaltung loswerden: Ich habe selten so ein schönes Booklet gesehen und auch die CD selbst (ganz in schwarz gehalten und an das Design von alten Schallplatten inklusive Rillen an der Oberseite) sind ein echter Hingucker. Auch unterfüttert eine Kurzgeschichte zu dein einzelnen Bandmitgliedern McDrok, Roma Díhn, Proff. Raynr, Lucinde el Aya und Robi Robo R0dbrst die Idee der Reise durch die Folksongs der Welt.

Bei so vielen verschiedenen Sprachen wäre es allerdings hilfreich gewesen, wenn im Booklet nicht nur der Text selbst, sondern auch eine Übersetzung zu finden wäre. Wo man bei Englisch, Französisch und Mittelhochdeutsch vielleicht noch mitkommt, ergeben sich spätestens bei Russisch, Altspanisch und Griechisch doch einige Schwierigkeiten, auch wenn man natürlich rein am Klang schon eine Menge des Inhaltes eines Liedes ableiten kann.

Aufgefallen ist mir außerdem, dass der erste Instrumentalsong „Asturias“ im Booklet eine eigene Seite bekommt, der zweite „“Tam Lin“ jedoch nicht.


FAZIT:

Jessnes schaffen mit „What the Folk“ eine gelungene Mischung aus eigenem und neuinterpretiertem Liedgut. Dabei bleiben sie dem Genre des „Folks“ treu, dehnen unser Verständnis davon aber gekonnt aus. Mehr als ein Song birgt akutes Ohrwurmrisiko! Ein solides Folkalbum, dass zum Tanzen animiert und daher in keinem Steampunkpub fehlen sollte. Auch wenn es im Arrangement streckenweise kleinere Schwächen gibt, sollte das keineswegs davon abhalten sich von Jessnes auf eine bunte Reise „in vierzehn Episoden um die Welt“ entführen zu lassen. Gerade für ein Erstlingswerk eine mehr als ordentliche Leistung!

 

Das Album erhaltet ihr hier direkt bei der Band.

Homepage: www.jessnes.de

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