Rezension: Die Grüne Fee - Geschichten aus Eis und Dampf

Das Sprichwort sagt: „Beurteile nie ein Buch nach seinem Umschlag.“ Im übertragenen Sinne ist dies gewiss ein guter Ratschlag. Hält man jedoch die „Grüne Fee – Geschichten aus Eis und Dampf“ in den Händen, so kommt man nicht daran vorbei, das Werk mit allen Sinnen, genauer gesagt, zu aller erst mit den Augen zu bewerten. Dass genau dies auch die Intension der Herausgeber des kleinen DIN A5 Softcoverheftes in Groschenromanoptik war, erkennt der Leser bereits beim ersten neugierigen Durchblättern und Schmökern: Nicht nur das Format, auch das griffige Papier im Inneren des Heftes, welche die ersten ursprünglichen Pulp-Magazinen ihren Namen verdankten, verleihen dem Heft den Charme eines Heftromans aus dem nahe gelegenen Zeitungskiosk an der Ecke. Sowohl der Einband als auch die Innenseiten sind graphisch künstlich gealtert und verleihen den Eindruck, dass das Heft schon bereits durch zahllose Hände gereicht oder eilig in die Tasche gestopft wurde. Handschriftliche Widmungen, Anmerkungen, Korrekturen und eilig geschriebene Randnotizen, verleihen dem Heft eine romantische „Abgetragenheit“ und eine Geschichte in mitten der Geschichten. Der Leser wird eingeladen, sich seine eigenen Vorstellungen zu machen, welche Wege das Heft bisher genommen hat, welche Personen es begleitet haben musste, um schließlich zu seinem aktuellen Besitzer zu gelangen. Vielleicht wurde es auf dem Bussitz neben an liegen gelassen oder ist das Geschenk eines guten Freundes, welcher es bereits selbst ein Dutzendmal durchblättert hat.

Doch was verbirgt sich hinter dem aufwendig in Szene gesetzten „Umschlag“ von  „Die Grüne Fee“? Im Jahr 2015 vereinten sich die Herausgeber und gleichzeitig Autoren des Heftes, namentlich Judith C. Vogt, Mia Steingräber, Christian Vogt und Tobias Rafael Junge, um gemeinsam eine Sammlung von Pulp-Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Alle Geschichten sollten sich in der Steampunk-Welt von Judith und Christian Vogts „Eis und Dampf“ abspielen. Bekannt wurden die beiden Autoren und ihr fiktives Universum unter anderem durch ihren Roman „die zerbrochene Puppe“, welcher 2013 den Deutsche Phantastik Preis als bester deutschsprachiger Roman erhielt. Es folgten die Kurzgeschichtenanthologie „Eis und Dampf“. Für Mia Steingräber und Tobias Junge stellt dieses Heft, laut Aussage des Teams, ihre erste literarische Veröffentlichung dieser Art dar. Im Juli dieses Jahres war es soweit und „Die Grüne Fee“ durfte das fahle Licht der Druckrollen erblicken. Insgesamt sechs Kurzgeschichten entführen uns in eine alternative viktorianische Welt geprägt durch eine mittlerweile 905 Jahre andauernde Eiszeit. Mit Hilfe der neuen „Außerordentlichen Naturwissenschaften“, sowie Errungenschaften in der Elektrizität und Æronautik gelang es den Menschen der zumindest in Europa allgegenwärtigen Kälte die Stirn bieten und die Welt nach ihren Visionen neu formen. Doch auch der Fortschritt hat seine Schattenseiten. Der Kampf um begehrte Rohstoffe tobte nun nicht mehr nur auf See und Land. Luftpiraten sind der allgegenwärtige Schrecken des Himmels, während in geheimen Laboren, nach dem Schlüssel für ein Leben nach dem Tod gesucht wird. Und zwischen all dem, der Ausbeutung, den Luftschlachten und Kreaturen, welche die Schatten bewohnen, kann man für nur einen Groschen am Kiosk ein kleines dünnes Heft kaufen. Darin erzählen sechs Kurzgeschichten von ganz unterschiedlichen Menschen, die in dieser Welt leben, beziehungsweise leben müssen, und von ihren ganz eigenen Schicksalen. Doch später mehr hierzu.

Titelblatt „Die Grüne Fee“
Foto: Eis und Dampf

Ich blättere neugierig durch die insgesamt 58 Seiten. Wurde bereits mein Blick vom wunderschön gestalteten Cover festgehalten, sobald ich das Heft das erste Mal in der Hand hielt, freue ich mich nun, weitere, zum Teil eine Seite füllende stimmungsvolle Illustrationen von Mia Steingräber zu finden. Mia Steingräber sollte nicht zuletzt als Illustratorin von Abenteuern und Spielhilfen aus dem Hause Ulisses Spiele, sowie für ihre Arbeit für den Uhrwerk Verlag bekannt sein. Ihre Werke fanden unter anderem Einzug in die Welt der Rollenspielsysteme des „Schwarzen Auges“, insbesondere „Myranor“, sowie „Space: 1889“. Unterstützt wurde sie in diesem ersten Band der Grünen Fee von Illustratorin Caryad, welche einigen Lesern sicherlich ebenfalls durch ihre zahlreichen Arbeiten für das deutsche Pen-&-Paper-Rollenspielsystem „Splittermond“ bekannt sein könnte. Bereits durch die detailreichen, atmosphärischen Zeichnungen beider Künstlerinnen könnte „Die Grüne Fee“ für Genreliebhaber schon jetzt zu einem begehrten Sammelobjekt werden. Ein Bonbon bieten darüber hinaus die Werbeanzeigen der Unterstützer dieses Projektes, alle samt Dienstleister und Künstler rund um die Themenbereiche Steampunk und Gaslight. Alle Anzeigen passen sich durch ihr Design optisch so in das Layout des Heftes ein, dass sie die erzeugte Illusion keinen falls zerstören, sondern diese unterstützen. Denn was wäre ein Groschenroman ohne die entsprechenden Werbeanzeigen? Ein Wermutstropfen, welcher erwähnt werden muss, stellt ein Layoutfehler innerhalb der Geschichte „Vom Waldorf Asteria zur Quelle des Nils“ dar. Zwar ist die gesamte Erzählung aufwendig und ansonsten gelungen in die Form eines Zeitungsartikels des fiktiven „Handelsspiegels“ mit zahlreichen für die Handlung elementaren handschriftlichen Rangbemerkungen gestaltet worden, doch verschwinden einige Millimeter des Textes in der mittleren Falz der Klammerbindung. Dies erschwert die Lesbarkeit leider immens und ist in Anbetracht des ansonsten fabelhaften Designs der Geschichte äußerst bedauerlich.

Genug ziellos geblättert. Ich mache mich daran, die sechs Kurzgeschichten unterschiedlicher Länge zu lesen, welche von den vier Autoren teils in verschiedener Konstellation zu zweit, teils von einem der Autoren alleine geschrieben wurden. Es dauert etwas, bis ich mich an den Stil der Geschichten gewöhnt habe. Und bald darauf weiß ich auch warum. Obwohl ich mir die gesamte Zeit bewusst war, oder dies zumindest annahm, dass es sich bei dem mir vorliegenden Heft um einen Groschenroman handelt, hatte ich offenbar nicht darüber nachgedacht, was mich stilistisch und inhaltlich erwarten würde: Pulp. Oder in diesem Fall „Steampunk-Pulp“. Statt lediglich Kurzgeschichten aus der Welt von „Eis und Dampf“, wie wir sie bereits aus der gleichnamigen Anthologie kennen, unter dem Label „Groschenroman“ zu veröffentlichen, liegt der Schwerpunkt der in diesem Heft veröffentlichten Geschichten tatsächlich nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich auf aus Pulp-Magazinen bekannten Stilelementen und Themen. Horrorgeschichten mit unerwarteter Wendung, verpackt in Briefform, Tagebucheinträgen und Zeitungsartikeln, reißerische Abenteuer rund um waghalsige Luftpiraten und ewige Liebe in mitten von Lug, Betrug und Diebstahl, sowie die romanisierte Exotik und die Gefahren fremdländischer Orte. Sich heroisch an Seilen schwingende Helden, Liebe, welche alle Grenzen zu überwinden scheint, sowie eiskalte Meuchelmörder runden das Bild des Pulp-Heftes ab. Den vier Autoren gelingt es zielgerichtet all jene, sowie weitere dieser Elemente mit der Welt von „Eis und Dampf“ zu verknüpfen. Und so wird mit einem Augenzwinkern in zwei Geschichten auf „Die Grüne Fee“ von den Akteuren selbst kritisch Bezug genommen. Einer der Protagonisten beschreibt das  Zeitschriftenmagazin als „ein Format, in dem stets ein Potpourri aus erdachten  Geschichten, Reiseberichten, Gruselmärchen und Ähnlichem zu finden war“ voller „abstruser Titel in Groschenheftformat“. Diese Bezugnahme lässt das Heft, welches längst durch seine Aufmachung wie aus dieser Welt gerissen zu scheint, spielerisch noch „authentischer“ erscheinen. So „beißt“ sich literarisch „die Katze in den Schwanz“ und das Werk wird selbst Bestandteil seines Inhaltes. Ein geschicktes und witziges Detail. Durch ihre Vielfältigkeit, sowohl was Inhalt, Form, sowie Subgenre betrifft, Detektivgeschichte, Abenteuer-Romantik, Reisebericht, und mehr, ist zwangsläufig davon auszugehen, dass nicht alle der sechs Geschichten gleichermaßen den Geschmack des Lesers treffen. Jedoch ist diese Vielfalt der Segen und Fluch jeder Anthologie. Und so ging es auch dem Autor dieser Rezension. Seinen Geschmack traf vor allem die Geschichte „Männerballett“ von Christian Vogt. Obwohl kaum mehr als zwei Seiten lang, überraschten mich die gleich zwei Wendungen innerhalb der Geschichte und  rangen mir ein bewunderndes Lächeln ab.
Mehr sei über die Inhalte der sechs Geschichten jedoch vorerst nicht verraten, da ein unvorsichtig erwähntes Detail auf Grund der Kürze der Geschichten bereits zu viel verraten und so den Lesespaß verringern könnte.

Kann ich “Die Grüne Fee“ empfehlen? Durchaus. Jedoch eingeschränkt. Empfehlen will ich sie vor allem Liebhabern von Groschenromanen und „penny dreadful“. Den Autoren ist es gelungen den Geist und den Stil der Zeitschriftenmagazine einzufangen und geschickt in die Welt der „Zerbrochenen Puppe“, sowie „Eis und Dampf“ zu übertragen. Allen Fans der Welt sei das Heft schon alleine zur Vervollständigung ihrer Sammlung angeraten, was das gelungene Design angeht, sowie die Bezugnahme auf Prominenz, Örtlichkeiten und natürlich technischen Errungenschaften, welche in den Geschichten Erwähnung finden. Doch möchte ich gleichzeitig drauf hinweisen, dass Pulp nicht für jeden Geschmack das richtige sein muss. Dem Leser sollte zu Beginn bewusst sein, dass ihn kein Steampunk-Roman im klassischen Sinne erwartet, sondern dass die Erzählungen an der einen oder anderen Stelle bewusst für den Konsumenten eben solcher Groschenromane überzeichnet wurden. Wer mit dem schneidigen fast unbesiegbaren Luftpiraten, dessen wildes Haar im Wind weht, während ihm die Frauen scharenweise zu Füßen liegen, oder mit der taffen Reporterin, für die es gilt, sich in einer rauen Fremde beinahe ohne fremde Hilfe zwischen kriegerischen Männern zu behaupten, sich überhaupt nicht anfreunden kann, sollte diese Kost mit Vorsicht genießen. Die meisten dieser klischeebelasteten romantisierten Elemente werden jedoch mit einer guten Portion Witz und Ironie verpackt. Von einem kitschigen Liebes-Roman im Stile eines „Begehrt von einem Luftschiffheizer“ kann also hier in keinster Weise die Rede sein. Denn Mord, Betrug, Intrige, wie eine ordentliche Portion schwarzer Humor gehören zu einem guten Pulp, wie Liebe, Heldenmut und Ritterlichkeit.

Dem bis zu dieser Stelle Unsicheren empfehle ich, die gerade mal 3,50 Euro zu riskieren und sich selbst ein Bild zu machen. Denn schon alleine für die aufwendige Gestaltung des Heftes ist dies ein mehr als angemessen fairer Preis, bei dem man sofort zuschlagen sollte. Auch im Hinblick darauf, dass das Heft zumindest in Printform bisher ausschließlich auf ausgewählten Rollenspiel-, Steampunk und Fantasy-Conventions zu erwerben ist, darüber hinaus online bisher nur über die Herausgeber selbst vertrieben wird, sei auf die Exklusivität des Groschenheftes hingewiesen und eine zügige Anschaffung unter www.Die-Gruene-Fee.net empfohlen. An gleicher Stelle findet sich auch bereits eine Ankündigung für die Veröffentlichung einer eBook-Version, welche im Uhrwerk-Verlag erscheinen soll.
Bis zum heutigen Tag, der Fertigstellung dieser Rezession, wurde von den vier Herausgebern keine Fortsetzung der Kurzgeschichtensammlung angekündigt. Die Tatsache, dass „Die Grüne Fee“ jedoch mit dem Zusatz „Ausgabe 1“ betitelt wurde, lässt Fans auf weitere Groschenromane aus der Welt von „Eis und Dampf“ in den kommenden Jahren hoffen. Bis dahin tröstet uns ein beinahe versteckter Hinweis im Rahmen eines Zirkusplakats auf dem Rückumschlag von „Die Grüne Fee“. Im Kleingedruckten des Plakats finden wir dort die Ankündigung der „Verlorenen Puppe“, dem Fortsetzungsroman der „Zerbrochenen Puppe“ von Judith und Christian Vogt bereits im Oktober dieses Jahres.

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