Opernpremiere: Klein Zaches, genannt Zinnober

12140901_10153775428914497_7832326468574426187_oWas für ein Abend!

Nachdem man sich nun so langsam wieder sammeln konnte, möchten auch wir die Chance nutzen, von der Premiere der (nach eigenen Angaben) weltersten Steampunk – Oper „Klein Zaches genannt Zinnober“ der Berliner Band Coppelius und Regisseur Sebastian Schwab im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen am 14. November zu berichten.

Nicht zuletzt deswegen, weil sie den Steampunk in die Köpfe der Leute bringt, die bislang nichts damit zu tun hatten, hat sie eine gewisse Wichtigkeit.

Normale Konzertkritiken flattern nach und nach immer mehr durchs Netz (eine kleine Auswahl befindet sich am Ende des Artikels), deswegen werde ich meinen Bericht auf den Steampunk-Anteil und meine persönlichen Eindrücke fokussieren.

Kurz die Fakten:

Klein Zaches, genannt Zinnober
Nach der fantastischen Erzählung  von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann
Komposition: Coppelius und Thomas Rimes
Regie: Sebastian Schwab
Besetzung: Coppelius, Ulrike Schwab, Rüdiger Frank
Musik: Neue Philharmonie Westfalen, Coppelius
Bühnenbild: Britta Tönne
Dramaturgie: Juliane Schunke

Es begann schon damit, dass man das Foyer betrat und die Dichte an Zylindern schlagartig zunahm. Gefühlt rund ein Drittel der anwesenden Gäste hatten sich in Schale geworfen und trugen ihr bestes Steampunk Outfit.

Mitglieder des Fanclubs „Geheime Coppelianische Straßenbau Gesellschaft“

Im oberen Foyer konnte man sich noch vor Beginn und in den Pausen die Ausstellung „Steampunk. Vorwärts in die Vergangenheit“ ansehen, die dem geneigten Besucher kurz erläutert, was es mit diesem „Steampunk“ überhaupt auf sich hat. Es kam also schon mal die richtige Stimmung auf.

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(Die Ausstellung läuft noch bis zum 4. Dezember und ist während der Spielzeiten mit gültiger Karte zugänglich. Außerhalb der Vorstellungen können angemeldete Gruppen sie auch kostenlos besuchen. Anmeldungen dafür an Juliane Schunke juliane.schunke[at]musiktheater-im-revier.de)

Spätestens als sich dann der Vorhang hob, sollte auch der letzte mitbekommen haben, um welches Genre es sich handelte: Überdimensionale Zahnräder, die sich drehten und leuchteten dominieren das Bühnenbild. Vor dem Orchester, welches untypischer Weise auf der Hinterbühne, statt im Graben platziert ist, erhebt sich alsbald eine riesige Maschinerie, gesteuert per Fernbedienung und mit Energie versorgt durch E.T.A. Hoffmann und dessen Herz, welches er sich zu Beginn höchstselbst aus der Brust reißt.

(Coppelius Fans erkennen hier schon Parallelen zur Her(t)zmaschine, der Titel des aktuellen Albums und eines Songs darauf.) Die Maschine wird mit ihren unterschiedlich hinauf und hinab fahrenden Ebenen zur Bühne für das Stück.

FOTOS: PEDRO MALINOWSKI

Foto: Pedro Malinowski

Über dessen Inhalt möchte ich an dieser Stelle nicht allzu viele Worte verlieren. Es sei gesagt, dass man die Oper auch dann versteht, wenn man nicht mit der Hoffmannschen Erzählung vertraut ist. Viele Details und Witze versteht man jedoch nur, wenn man das Buch gelesen hat (oder sich hat vorlesen lassen, der rote Videoriese bietet da diverse Möglichkeiten).

Sehr schnell wird klar, warum Hoffmann Klein Zaches, welches er drei Jahre vor seinem Tod schrieb, als sein humorvollstes betitelte, ich habe selten so gelacht in der Oper. Klamauk vom feinsten und auch für Slapstick Einlagen ist man sich nicht zu schade.

FOTOS: PEDRO MALINOWSKI Klein Zaches, Genannt Zinnober (UA) Nach der fantastische Erzählung „Klein Zaches, genannt Zinnober“ von e.t.a. Hoffmann Komposition von „Coppelius“ und Thomas Rimes Mit der neuen Philharmonie Westfalen Besetzung: der Band Coppelius Ulrike Schwab Rüdiger Frank Musikalische Leitung: Thomas Rimes Regie: Sebastian Schwab Bühne und Kostüme: Britta Tönne Licht: Jürgen Rudolph Dramaturgie: Juliane Schunke Premiere: 14. Nov. 2015, 19.30 Uhr

Foto: Pedro Malinowski

Die verschiedenen Rollen werden hierbei ausschließlich durch die Herren von Coppelius mit Unterstützung von Ulrike Schwab (übrigens die Schwester und nicht die Frau des Regisseurs) und Rüdiger Frank gespielt, was einen steten Kostümwechsel zur Folge hat, der alleine schon einige Lacher wert ist. Insgesamt begeistern alle Coppelianer durch ihr (ungeahntes) schauspielerisches Talent und teilweise akrobatische Leistungen (Stichwort: Hochrad).

FOTOS: PEDRO MALINOWSKI Klein Zaches, genannt Zinnober (UA) Nach der fantastische Erzählung „Klein Zaches, genannt Zinnober“ von E.T.A. Hoffmann Komposition von „Coppelius“ und Thomas Rimes Besetzung: der Band Coppelius Ulrike Schwab Rüdiger Frank Neuen Philharmonie Westfalen Premiere: 14. Nov. 2015, 19.30 Uhr Musikalische Leitung: Thomas Rimes Regie: Sebastian Schwab Bühne und Kostüme: Britta Tönne Dramaturgie: Juliane Schunke

Ulrike Schwab als Fee Rosabelverde, Foto: Pedro Malinowski

Ein paar Worte zu den Kostümen: Es hat den Anschein, als ob man hier in jede Steampunk Klischeekiste gesprungen sei, die sich einem bot und so wirken die meisten doch arg überzogen und eher als Karikatur dessen, was man beispielsweise auf einem Stammtisch antreffen würde. Andererseits müssen die Kostüme ja auch eine Bühnenwirkung entfalten und die sollte auch auf den letzten Rängen (ohne Opernglas) zu erkennen sein. So mancher mag über den Einsatz von pinken Goggles die Nase rümpfen, im Stück passen sie aber zu der Rolle und die Kostümabteilung hat ganze Arbeit geleistet um die Herren mit Kleidung (und Haaren) auszustatten.

Foto: Pedro Mailnowski

Foto: Pedro Mailnowski

Kommen wir zur Musik: Eine Oper von und mit Coppelius, wer die Herren kennt, weiß, dass sich nicht nur der Name der Band (und der Bandmitglieder) auf Hoffmann Werke beziehen. Nein, auch verschiedene Songs setzen sich mit dessen Werken auseinander; und natürlich auch mit „Klein Zaches“ (z.B. der gleichnamige Song vom Album „Zinnober“ 2010).

In der Oper selbst findet man jedoch verhältnismäßig wenig davon. Lediglich zwei Songs, einer davon von Rüdiger Frank vorgetragen, der andere umgedichtet, finden ihren Weg in das Stück. Einige weitere sind lediglich instrumental angedeutet. Ich persönlich hätte da mehr Bekanntes erwartet, bin geradezu davon ausgegangen Coppeliuswerke mit Orchesterunterstützung zu sehen.

Stattdessen erwartet einen die Oper mit einer Fülle an neuen Songs und Kombinationen, insbesondere die Herren einmal in Begleitung eines Soprans zu hören ist interessant. Inhaltlich lassen sie leider teilweise an Raffinesse zu wünschen übrig („Nein – Sein“- Reime), die Tatsache, dass ich aber einige trotzdem, nach einmal hören, noch im Ohr habe, spricht aber für sich.

Das einzige, was man sich meiner Meinung nach wirklich hätte sparen können ist die „We will rock you“- Verwendung, die mal so gar nicht zu Coppelius passt. Vermutlich ein Zugeständnis an das „Mainstream“ Publikum, das spätestens dann das Ganze als Rock Oper (und nein, kein Punkrock) erkennen sollte.

Foto: Pedro Malinowski

Foto: Pedro Malinowski

Insgesamt frage ich mich, was genau das musikalische Theaterstück nun eigentlich zu einer Oper macht (und dann noch zur weltersten). Ich kenne mich in den Genrefragen dafür vermutlich zu wenig aus, aber meiner Meinung nach ist es eher ein Musical.

Egal, WAS genau es jetzt ist (und ob es die erste ist oder nicht, siehe dazu auch „Dolls of New Albion“), „Klein Zaches, genannt Zinnober“ ist vor allem eines: Unterhaltsam!

Und gerade für eingefleischte Coppeliusfans gibt es unzählige Anspielungen und Co. die man wohl nur versteht und erkennt, wenn man die Band schon länger kennt. (z.B. das Applausschild, oder die Melodie der „Zuckerfee“).

Auf den Rängen brachen nicht zuletzt deswegen während der Premiere tumultartige Zustände aus und es brauchte kein „We will rock you“ um das (Fanatiker-) Publikum zum mitklatschen zu animieren. So viel Zwischenapplaus und Anfeuerungsrufe hat das Musiktheater im Revier wohl schon lange nicht mehr erlebt und so mancher „normale“ Opernbesucher warf verwirrte Seitenblicke auf die Fanatikerschaft und hielt sich dezent die Ohren zu bei so viel Jubel. Spätestens dann bei den Standing Ovations und den „Da Capo“ („Noch einmal“) Rufen gab es kein Halten mehr und fast 15min kamen Darsteller, Dirigent und Regisseur wieder und wieder auf die Bühne.

Auch wenn es leider keine Zugabe gab (ein Triangel-Solo wäre doch sicher drin gewesen…) war der Premierenabend auf alle Fälle sehr gelungen und es wurde noch bis in die frühen Morgenstunden in Foyer und Kantine weiter gefeiert.

Für mich wird es sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich mir die Oper angesehen habe. Es gibt eine unbedingte „ANSEHEN!“ Empfehlung.

Die Möglichkeit dazu bietet sich in diesem Jahr noch am 21. Und 29.11., sowie im kommenden Jahr am 22. April, 10., 11. und 12.. Mai.

Weitere Infos, sowie Karten finden Sie auf der Seite des Musiktheater im Revier.
Weitere Fotos der Premiere und der Gäste finden Sie hier.

Es schrieb, fotografierte, feierte für Sie,
AyraLeona

Konzertrezensionen und Berichte:

3 Kommentare zu Opernpremiere: Klein Zaches, genannt Zinnober

  • Hermann Henkel

    Also, das war schon eine sehr beeindruckende Premiere, mit wirklich sensationellen Effekten und grandiosen Darstellern. Aber Tumulte? Die gab es nun wirklich nicht, es war vielmehr stürmisch-rasender Applaus, der am Premierenabend den Agierenden verdientermaßen entgegenschlug. Mit Tumult hatte das wohl weniger zu tun. Wieder einmal mehr war ich von einer Vorstellung im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier überaus begeistert. Jede Menge Bravos für diese grandiose Inszenierung.

  • Walter Knapp

    Hallo,
    nach Wagner,die Erziehung lässt grüßen und ist Vergangenheit, eine Welt tat sich für mich auf mit klein Zaches.
    All die Jahre steht man vor dem Problem, was schenke ich zu den Festtagen.
    Nach dem Besuch im Musiktheater war dieses Problem gelöst.
    So verschenke ich Eintrittskaten zu klein Zaches an meine besten Freunde.
    Immer Paarweise natürlich.
    Es gibt noch zwei Termine zusätzlich, zur Info..
    Zur Sommersonenwende, Johannistag werden alle mit Freude kommen und wir können
    über das Weihnachtsgeschenk sprechen.
    War nur ein Tipp für alle die nicht wissen was man sinnvolles schenken kann.
    Eine gute Zeit und viel Dampf für das nächste Jahr.
    Nochmals Dank für die Lebensfreude bei den Machern der Veranstaltungen.
    Ein Glück Auf aus dem Revier

  • […] noch 6 Vorstellungen der coppelianischen Steampunk-Oper „Klein Zaches, genannt Zinnober“ (der Clockworker berichtete) in diesem Frühjahr, was haben Sie bis jetzt aus der Produktion […]

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