Die Abenteuer des Richard Dean Donahue - Teil 4

Der nächste Teil der Geschichte um Richard Dean Donahue von A.G. Piel mit Illustrationen von Felix Moebius.

„Das ist der altägyptische Ausdruck für einen Diener.“ Rasch zog sie sich zurück.
„Da haben Sie wohl recht. Hey, wenn Sie schon so schlau sind, dann können Sie mir doch bestimmt bei meinen Nachforschungen helfen, oder?“
„Kommt ganz darauf an.“ Ihr Blick wurde skeptisch. „Worum geht es denn?“
Dean zeigte auf die beiden Bücher. „Ich müsste mehr über dieses Horusauge erfahren. Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?“
Die Frau zögerte kurz, doch er konnte in ihrem Mienenspiel erkennen, wie gerne sie sich mit ihm unterhielt; für eine einfache Bibliothekarin kannte sie sich offenbar gut aus, und er vermutete, dass sie nur selten dazu kam, ihr Wissen an den Mann zu bringen.
„Also schön. Folgen Sie mir.“
Sie nahm die Bücher wieder auf, schenkte ihm ein unsicheres Lächeln und führte ihn zu dem stickigen, kleinen Kabuff, das sie an der Eingangspforte der Bibliothek besetzte. Während er sich auf einen von zwei Hockern setzte, stellte sie ein „Bin gleich wieder da!“-Schild vor die Glasscheibe zum Gang hin und zog die Gardinen davor zusammen.
„Nun gut. Das Blaue Auge des Horus.“ Sie setzte sich ihm gegenüber und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, ehe sie fortfuhr. „So wirklich viel gibt es darüber nicht zu erzählen. Es stammt aus dem Serapeum von Sakkara und wurde dort wahrscheinlich um 1851 von Auguste Mariette geborgen.“
„Moment … den Namen habe ich gerade erst gelesen.“ Aufgeregt studierte Dean seine Notizen. „Hier … Auguste Ferdinand François Mariette. Der Kerl hat 1860 bei Gizeh gebuddelt, nicht wahr?“
Die Bibliothekarin lächelte gequält. „So könnte man es ausdrücken. Als er das Serapeum fand und freilegte, hatte er auf jeden Fall keinerlei behördliche Befugnis dazu, und auch sonst benahm er sich reichlich … ungastlich. Er plünderte die Stätte und schmuggelte eine Vielzahl kostbarer Gegenstände nach Frankreich. So gelangte auch das Blaue Auge des Horus nach Europa.“
„Was ist ein Serapeum? Eine Art Grabstätte?“
„So ist es, genauer gesagt: eine Grabstätte für heilige Stiere. Aber das sagt wenig über das Auge aus – der Fund an diesem Ort ist eher ungewöhnlich. Die wenigen Leute, die es jemals in der Hand hielten und begutachten durften, waren der Meinung, dass es durch Zufall dort gelandet sein musste.“
Dean machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wo ist es jetzt?“
„Das ist das Problem – man weiß es nicht. Zwei Monate nachdem es in Paris auftauchte, verschwand es auch schon wieder. Mariette verstarb vor einigen Jahren, und man nimmt an, dass er vor seinem Tode einige der Stücke versteckte, die er einst geborgen hatte – jedenfalls die wertvollsten und ungewöhnlichsten.“
„Was ist denn so besonders an dem Ding?“, fragte Dean stirnrunzelnd, und wieder lächelte die Frau gequält, als er so lapidar sprach.
„Nun, zum einen der ungewöhnliche Fundort, zum anderen werden dem … „Ding“ besondere Kräfte nachgesagt; magische Kräfte, die den Geist vom Körper trennen.“
„Und das glauben Sie?“ Dean prustete, als er ihre ernste Miene bemerkte. „Kommen Sie! Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“
„Wenn Sie sich näher mit der Ägyptologie beschäftigen“, erwiderte sie steif, „dann werden Sie schnell feststellen, dass eine Menge seltsamer Dinge möglich sind, Mister …“
„Donahue. Richard Dean Donahue – aber meine Freunde nennen mich Dean.“ Mit einem versöhnlichen Lächeln hielt er ihr die Hand entgegen. Nach kurzem Zögern berührte sie sie flüchtig mit den Fingern.
„Amy Rhind. Freut mich.“
„Nein, tut es nicht, und das kann ich auch verstehen.“ Er beugte sich nach vorne, umfasste rasch ihre Hand und zwinkerte. „Aber ich verspreche, mich ab jetzt besser zu benehmen.“
„Dann sollten Sie meine Hand loslassen, oder Sie brechen ihr Versprechen noch im gleichen Atemzug.“
„Ganz, wie Sie wünschen.“ Lachend ließ er sie los und verschränkte die Arme im Nacken. „Ihr englischen Mädchen seid viel zu leicht aus der Fassung zu bringen.“
Sein Lachen verstummte, als er an Ashley dachte. Amy errötete und senkte den Blick.
„Na, wie dem auch sei … wenn Sie mich nicht mehr brauchen, dann würde ich Sie jetzt bitten, zu gehen.“
„Sie wissen eine ganze Menge über diesen Kram, oder?“, fragte er nachdenklich, ohne auf ihre Bitte Rücksicht zu nehmen.
„Ich bin damit groß geworden“, erwiderte sie und sah sich unwohl um. „Wirklich, Mister Donahue, sie sollten jetzt langsam…“
„Wie wäre es, wenn Sie mir noch ein bisschen länger helfen? Gegen Bezahlung, versteht sich.“
„Mister Donahue!“ Amy Rhind richtete sich hoch auf – und reichte ihm dabei doch gerademal bis zum Kehlkopf. „Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: Ich liebe meinen Job, und ich mache ihn nicht des Geldes wegen! Deshalb kann mich auch kein Geld der Welt dazu bringen, ihn zu vernachlässigen … und irgendein dahergelaufener, amerikanischer Halunke erst recht nicht!“
Sie zuckte zusammen, als sie feststellte, was sie da gerade gesagt hatte, doch Dean lachte nur.
„Also schön. Solide Einstellung, wie man bei uns zu sagen pflegt!“ Er stand auf und zuckte mit den Schultern. „Schade, aber da kann man wohl nichts machen. Dann muss ich das Auge wohl alleine ausfindig machen.“
Als er sah, wie sich ihr Gesicht erhellte, grinste er.
„Sie meinen … Sie wissen, wo das Blaue Auge des Horus ist?“,
„Ich bin ziemlich nah dran. Aber wenn Sie mir nicht helfen wollen …“
Er wandte sich ab, um das Kabuff zu verlassen.
„Warten Sie! Also schön.“ Amy Rhind seufzte und erhob sich. „Aber wehe, Sie führen mich nur in die Irre, dann können Sie was erleben!“
„Würde mir nie einfallen.“

1925645_10202979934552673_998693211_o

Dean setzte Amy auf eine Reihe von Forschern an, die sie an der Universität kannte, dann ging er zurück zur Zentralbibliothek und suchte das Einwohnerregister Edinburghs heraus. Zwar gab es fast zwanzig Andrew McCormicks, aber nur einen, der vor Kurzem dreißig geworden war; zufrieden schrieb er die Adresse ab und verließ den Campus.
Er machte sich auf schnellstem Wege nach Oldtown auf, dem Stadtviertel, in dem McCormick wohnte; dabei trug er die Maggy ausnahmsweise im Halfter unter dem Gehrock und nicht in seiner Tasche. Für ihn roch es nach Ärger, und als er McCormicks heruntergekommene Absteige erreichte, musste er feststellen, dass er wieder einmal recht behalten hatte.
Die Tür stand offen, kein Laut war zu hören; trotzdem zog er seine Waffe und hielt sie im Anschlag, als er eintrat. Andrew McCormick hatte zu Lebzeiten nichts von Sauberkeit und Ordnung gehalten – und jetzt, im Tode, würde er sich noch weniger daran stören. Inmitten einer großen Blutlache, mit dem Gesicht nach unten, lage er auf dem schmutzigen Fliesenboden seiner vermüllten Küche und stank vor sich hin. Er war etwa so groß wie Dean, aber schmaler gebaut, hatte nur Hose und Hemd an, und ein großes Loch im Schädel, hervorgerufen von einer direkt angesetzten Pistole, wie Dean annahm. Froh, dass er die andere Seite des Kopfes nicht sehen konnte, machte er sich daran, das einzige andere Zimmer zu checken, in dem eine Strohmatratze verfaulte, und ging dann zurück zu dem Leichnam, um seine Taschen zu durchsuchen. Wie er feststellen musste, war ihm jemand zuvorgekommen, denn die Futter waren nach außen gekrempelt.
Mit einem frustrierten Laut auf den Lippen erhob er sich; dabei glitt sein Blick über den Toten, vom gelöcherten Kopf, bis zu den Stiefeln … er hielt inne. Die Stiefel. Alles, was McCormick trug, war irgendwie zerschlissen und alt, nur die Stiefel nicht. Dean kniete sich neben sie und betrachtete sie genau, ehe ein Lächeln über sein Gesicht huschte.
„Alter Gauner!“, murmelte er und befühlte die dicken Sohlen. Als er an der Hacke des rechten Stiefels herumspielte, klickte es plötzlich und ein kleines Geheimfach sprang auf. Darin befand sich nicht, wie er enttäuscht feststellen musste, das Blaue Auge des Horus, sondern ein zusammengerollter Zettel. Eine Adresse war darauf geschrieben. Dean merkte sie sich, zerriss den Zettel und warf die Fetzen ins geronnene Blut.
Er verließ die Küche auf schnellstem Wege, hielt aber inne, ehe er die Wohnungstür passiert hatte, drehte noch einmal um und ging zurück. Als er auf die Straße trat, lächelte er zufrieden, trat ein paarmal prüfend mit den neuen Stiefeln auf und machte sich dann auf den zu seiner nächsten Station.

Hinterlasse einen Kommentar

 

 

 

Du kannst diese HTML tags benutzen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>