Die Abenteuer des Richard Dean Donahue - Teil 3

Weiter geht es mit Teil 3 der Abenteuer des Richard Dean Donahue von A.G. Piel mit Illustrationen von Felix Moebius.

Nach zwei weiteren Whisky beschloss er, sich den Rest der Nacht lieber direkt am Lufthafen um die Ohren zu schlagen.
Dort angekommen, musste er nur eine halbe Stunde warten, bis der Zoll öffnete und er tatsächlich besagtes Paket ausgehändigt bekam. Darin befanden sich, neben den Hin- und Rückflugtickets nach Edinburgh, zehn Pfund, sowie ein gefaltetes Blatt Papier. Dean starrte das viele Geld lange an, ehe er es in seiner Börse verstaute, dann machte er sich auf den Weg zu seinem Flugplatz.
Während er auf die Ankunft der Kutsche wartete, öffnete er das Papier und entdeckte darauf eine Skizze, die er eingehend betrachtete. Das musste das Blaue Auge des Horus sein.
Den Maßangaben nach musste das Auge etwa fünf Zoll lang und zweieinhalb Zoll breit sein. Es hatte spitze, geschwungene Enden und war aus irgendeiner Art Stein gefertigt, wenn Dean die angedeutete Maserung nicht missinterpretierte. Pupille und Iris waren eingearbeitet, hoben sich farblich aber nicht ab. Während Dean die Zeichnung anstarrte, bekam er mehr und mehr das Gefühl, sie blicke zurück.

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Die Dampfkutschen nach Edinburgh wurden kurze Zeit später ausgerufen. Mit unbewegter Miene sah er zu, wie ein Dutzend der schweren, schwarzen Gefährte aus dem Himmel herabsank und zischend landete. Der charakteristische Ausstoß von weißem Dampf, kurz nach dem Absacken am Boden, ließ ihn zusammenzucken. Ein Schaffner in taubengrauer Uniform trat an ihn heran, lochte sein Ticket und verwies ihn an Eintritt Nummer Drei, nachdem er kritisch sein malträtiertes Gesicht betrachtet hatte.
Außer Dean stand niemand an der Kutsche an. Ihm was es nur recht, dass er alleine flog. Niemand musste sehen, wie er in Schweiß ausbrach, sobald es in die Lüfte ging. Dean hasste das Fliegen nach wie vor, und in so kleinen Gefährten ganz besonders.
In der Kutscherkanzel saß ein älterer Mann mit weitem, grauem Backenbart, der ihm freundlich zunickte, so als könne er seine Angst riechen. Dean schenkte ihm ein gequältes Lächeln und stieg ein, ehe er es sich noch anders überlegte. Die Aussicht, im Sumpf ermordet zu werden, erschien ihm plötzlich beunruhigend reizvoll.
Kaum dass er auf der roten Lederbank saß, stellte er seine Tasche ab und zog hastig die dünnen Gardinen vor den Fenstern zu. Die Kutsche brummte unter ihm und ließ seine Beine sacht vibrieren. Er reiste nobel, doch er vermutete, dass es seinen mysteriösen Auftraggebern mehr um die Schnelligkeit des Fortbewegungsmittels ging; mit einer gewöhnlichen Kutsche benötigte man Tage von Inverness nach Edinburgh.
Sein Finger verkrampften sich an den goldenen Haltegriffen, als das Brummen schlagartig zunahm. Der Schaffner pfiff, dann begann der Luftkutscher mit dem Ablegemanöver. Dean schloss die Augen und presste sich hart mit dem Rücken ins Polster. Er entspannte sich erst, als das Rauschen des Lufthafens verklungen war und das aufgeregte Schnaufen der Kutsche zu einem zufriedenen Summen wurde.
Voll Widerwillen zwang er sich dazu, die Haltegriffe loszulassen und die Augen zu öffnen. Er hatte etwa drei Stunden Zeit, die er, seinem Zustand nach, dringend mit Schlafen verbringen sollte, aber dafür war er selbstredend zu nervös. Nachdem er zweimal die Maggy durchgecheckt hatte, überflog er ein weiteres Mal die Nachricht aus der „Tavern“.
W.H. Ein beliebiges Kürzel, aber Dean war sich sicher, dass sich dahinter der seltsame Gentleman aus den Sümpfen verbarg. Er legte die Zeichnung des Auges neben den Brief und verglich die Schrift der Maßangaben mit der W.H.’s – es war nicht dieselbe.
Seufzend griff er nach dem Sprechrohr, das ihn mit der Kutscherkanzel verband, und brachte seine Lippen nah davor.
„Entschuldigung, aber … stammen Sie zufälligerweise aus Edinburgh?“
Es knackste und krächzte, ehe die Stimme des Luftkutschers blechern zurückscholl: „Dort geboren und aufgewachsen, ja. Worum geht’s?“
„Ich bräuchte die Adresse einer guten Bibliothek. Können Sie mir etwas empfehlen?“
„Wie wär’s mit der Universität? Mehr Bücher gibt’s nirgendwo sonst.“
Dean überlegte kurz, ehe er weitersprach: „Wäre es ein großer Umweg, mich dort direkt abzusetzen? Ich meine … außer mir befindet sich doch gerade niemand hier drin.“
„Ein guter Witz!“ Der Kutscher lachte. „Tut mir leid, aber das geht nicht. Die Bestimmungen sind eindeutig.“
„Und wenn ich mir das ein Pfund kosten lasse? Kommen Sie, Mann … ein ganzes Pfund!“
Der Kutscher schwieg lange, dann öffnete sich neben dem Sprechrohr ein kleines Messingfach. „Packen Sie das Geld da rein. Wenn Sie mir wirklich ein Pfund zahlen, soll’s mir recht sein – dafür fliege ich Sie bis nach London, wenn’s sein muss!“
Dean tat wie geheißen; das Fach schloss sich wieder, etwas rasselte, gleich darauf hörte er wieder die Stimme des Kutschers: „Also schön. Nächster Halt: Universität von Edinburgh!“
Als er sich zurücklehnte, meinte er ein leises „Verrückter Amerikaner!“ zu hören, doch er kümmerte sich nicht darum, sondern schloss die Augen und versuchte, eine halbwegs bequeme Position auf der Polsterbank zu finden. Nach wenigen Minuten des stillen Verharrens fluchte er und holte die Maggy hervor, um ein drittes Mal den Sitz der vielen kleinen Schrauben und Rädchen zu kontrollieren.

Etwa dreieinhalb Stunden später sank die Dampfkutsche auf dem privaten Landeplatz der Universität von Edinburgh zu Boden. Das Zischen war noch nicht vollständig verklungen, da öffnete Dean schon die Klappe, sprang heraus und lief los, dankbar für den festen Untergrund unter seinen Stiefeln. Als er die dichte, weiße Wolke verließ, prallte er beinahe mit zwei Studenten zusammen, die das Spektakel neugierig beobachtet hatten.
„Sind Sie ein Dozent?“, fragte einer von ihnen großäugig.
„Klar. Für Archäologie!“, antwortete er grinsend, tippte sich an seinen imaginären Stetson und ging schnell weiter.
Es dauerte nicht lange, bis er sich zur Zentralbibliothek durchgefragt hatte. Dort wiederum wurde er in den Keller verwiesen, als er sich nach einem Register zu den Gesellschaften, Vereinigungen und Bündnissen Schottlands erkundigte.
Er benötigte fast eine Stunde, bis er endlich den richtigen Index zur Hand hatte und die Signaturen weiterer Bände herausschreiben konnte, in denen es einen Vermerk über die Gesellschaft zur Pflege erhaltenswerter Kleinode gab. Es erstaunte ihn nur wenig, dass die meisten dieser Bände in der Bereichsbibliothek der ägyptologischen Forschung zu finden waren. Dort angekommen, trug er alles zusammen, was er zu der Gesellschaft fand; allzuviel war es nicht.
„1821 gegründet“, murmelte er und notierte sich das Datum, „Hauptsitz unbekannt, Mitgliederzahl unbekannt, Einnahmequellen, Wirkbereich, Absichten … wer hätte es gedacht? Weitgehend unbekannt. Förderer der archäologischen Ausgrabungen bei Gizeh durch Auguste Ferdinand François Mariette im Jahre 1860.“
Mit einem Seufzen richtete er sich auf. Ihm tat vom vielen Bücherschleppen und gebeugten Lesen schon der Rücken weh. Die Bibliothekarin, ein junges Ding mit schwarzem Haar und schüchternem Lächeln, näherte sich ihm vorsichtig. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“
Sie musterte sein zerschlagenes Gesicht und ihr Lächeln wurde mitleidig.
„Das können Sie tatsächlich. Haben Sie irgendwelche Informationen über das Blaue Auge des Horus? Ich weiß, dass das wahrscheinlich ein bisschen vage ist, aber…“
„Oh, die habe ich tatsächlich!“ Die Frau strahlte ihn an. „Warten Sie hier!“
Erstaunt sah Dean ihr nach. Nur wenige Minuten später kehrte sie zurück und legte zwei kleine Bücher vor ihm ab.
„Hier, bitte.“
„Danke schön.“ Er schenkte ihr das freundlichste Lächeln, das sein blaugrünes Gesicht hergab, und blätterte in den Büchern. Nach einigen Minuten hob er den Blick wieder und begegnete dem der Bibliothekarin.
„Ist halb so schlimm, wie es aussieht“, sagte er und deutete grinsend auf seine Visage.
„Oh, das ist es nicht“, sagte sie schnell und errötete. „Es ist nur … Ihr etwas ungewöhnlicher Halsschmuck. Ich habe ihn gerade bewundert.“
Unwillkürlich glitt Deans Hand zu dem Narbengebilde an seiner Kehle.
„Ach, das … ja.“ Er lächelte verlegen. „Eine Jugendsünde…“
Die Brauen der Frau schossen erstaunt in die Höhe. „Sie haben offenbar seltsame Sitten in Amerika, wenn Sie sich dort Hieroglyphen in den Hals ritzen lassen.“
„Hiero… Moment, was?“ Aufgeregt griff er nach ihrer Hand und bemerkte seine eigene Geste erst, als sie das Gesicht verzog. „Entschuldigung, könnten Sie das wiederholen?“
„Na, Sie haben eine Hieroglyphe am Hals!“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf, beugte sich nach vorne und musterte die Narbe mit zusammengekniffenen Augen. „Wenn mich nicht alles täuscht, ist das … Hem-nisut.“
Dean reckte den Hals, um ihr einen besseren Blick zu gewährleisten. „Und was heißt Hem-nisut?“

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