Im Salongespräch: Christian von Aster

Die Lesungen von Auto Christian von Aster sind seit Jahren sehr beliebt auf dem Wave Gotik Treffen in Leipzig, sodass man früh genug dort sein muss um einen der begehrten Plätze zu ergattern. (Zwei Stunden im Vorraus da sind ist keine Seltenheit unter den Liebhabern seiner Texte.) Immer wieder wird die schwarze Szene so gekonnt aufs Korn genommen, dass sie es sich gerne gefallen lässt und das Jahr um Jahr. Aber nicht nur Humorvolles/Sarkastisches wird dargeboten, sondern auch Ernsthaftes, Fantastisches und Philosophisches.

Die Schlange im Cinestar Leipzig

Der Clockworker bekam in diesem Jahr die Chance ein kleines aber feines Interview mit Herrn von Aster zu führen: Viel Spaß beim Lesen!

CW: Was wäre deine perfekte WGT Lesung?

Christian von Aster: Oh, die meisten, die ich mache, fühlen sich für mich schon annähernd perfekt an. Perfekt ist meines Erachtens tatsächlich eine Lesung, in der ich alles unterbringen kann: Humor, Geist, Gefühl und Subversion. Ich gebe mir ernsthaft Mühe und versuche dieses Spektrum abzudecken. Meinem Publikum keine Kasper- oder Klischee-Grufti-Show zu bieten, sondern Texte zu bringen, bei denen man denken, lachen und irritiert sein kann, das ist das Ziel. Meines zumindest. Das ist für mich Perfektion, jedenfalls im Bezug auf eine Lesung.

Die andere Seite ist natürlich eine, über die ich weniger Kontrolle habe, weil es um die Rezeption geht.
Wenn ich die Zusammensetzung des Publikums für eine perfekte Lesung beschreiben müsste, würde die Beantwortung dieser Frage vermutlich etwas komplexer ausfallen.

CW: Und Location-mäßig?

Von Aster: Wir haben schon viele schöne Locations heimsuchen dürfen. Zum Beispiel für die Premiere unseres Trollfilmes das UT Connewitz, eines der ältesten Lichtspielhäuser Deutschlands, dass sich nicht nur als herrlich sondern auch absolut Troll-authentisch erwiesen hat.
Außerdem habe ich auch schon mehrfach in der Kapelle auf dem Südfriedhof lesen dürfen, die stimmungstechnisch  ganz weit vorn ist. Da hat unter anderem auch die Premiere des letzten „Schattenschnitzer“ stattgefunden.

Die Location muss meiner Meinung nach vor allem mit den gelesenen Geschichten korrespondieren. Dementsprechend gibt es für verschiedene Geschichten ein anderes Optimum. Zum Beispiel das alte Stadtbad wäre ein hervorragender Ort für meine arabischen Geschichten, während für die Premiere meiner chinesischen Märchen ein chinesischer Stadtpark perfekt wäre, wie es ihn meines Wissens etwa in München oder Zürich gibt…

Andere Orte, anderes Optimum, andere Geschichten. In sofern lässt sich diese Frage nicht so einfach beantworten.


CW: Wie bist du persönlich auf Steampunk gestoßen?

Von Aster: Steampunk ist meines Erachtens eine vollkommen logische Konsequenz aus allem was wirklich interessant ist. Zumal es Steampunk ja schon lange vor der Prägung dieses Begriff gab. Allein wenn man Alan Moores „League of Extraordinary Gentlemen“ nimmt, sind die Elemente, für die ja niemand anderes als Jules Verne die Fundamente gegossen hat, da.
Steampunk ist in meinem Augen vor allem eine Fusion aus vorhandenen, aber anders zusammengesetzten Elementen. Und das Ganze hat darüber hinaus eben diesen Gaslight-Charme, die Faszination für die Dampftechnik, neue Technologie, Erfindungen, Entdeckungen, und nicht zuletzt wohl auch den Gedanken, dass die Industrialisierung ein wenig romantischer verlaufen ist, als sie es eigentlich tat.

In sofern kommt man da glaube ich ganz logisch hin, wenn man eine Vorliebe für gewisse Sachen hat. Allein das London des 19. Jahrhunderts. Man kommt vermutlich ganz automatisch zum Steampunk, wenn man sich für Sherlock Holmes, Jack the Ripper und Jules Verne interessiert. Man landet da, weil es eine Fusion aus unglaublich vielen interessanten Themen, ein Spielplatz für Propbuilder, Storyteller und Revisionisten gescheiterter Utopien ist.

Wobei der literarische Steampunk interessanterweise vom Mainstream Respektive großen Verlagen  sehr stiefmütterlich behandelt wird. Zumindest für mein Empfinden. Vermutlich weil man dort die Komplexität des Ganzen nicht erfasst.

Marketingleute versuchen ja meist die Elemente zu benutzen, ohne sie wirklich zu verstehen. Und Steampunk lebt ja vor allem von dem Spirit dahinter, der ja etwas sehr Individuelles ist. Die Leute, die sich damit ernsthaft beschäftigen haben etwas sehr Eigenes. In ihren Kostümen, in dem was sie tun, was sie denken. Das sind Steamgeeks. Und deren Lebensgefühl lässt sich eben nicht so normiert abhandeln, dass irgendjemand sich damit einfach die Taschen vollmachen könnte.

CW: Hast du selbst Pläne, mal etwas steampunkiges zu schreiben?

Von Aster: Ich hab vor über drei Jahren einem Verlag ein Buch angeboten. Aber damals hat die deutsche Verlagsszene bezüglich Steampunk den Hintern wohl noch etwas zusammengekniffen. Inzwischen sind sie ein bisschen offener geworden, was aber für mein Gefühl nicht bedeutet, dass sie es verstehen würden. Was aber vor allem für die Großkopferten gilt.

Ich habe ein steampunkiges Exposé im Kopf, dass mit etwas Philosophie, Gesellschaftskritik, viktorianischem Pomp  und inquisitorischer Verblendung daherkommt. Ich würde den Roman gerne mal schreiben, bin aber im Moment ausgelastet. Ich hoffe, es kommt noch dazu, denn ich würde unglaublich gerne mal mit diesen Motiven spielen, weil der Vorteil bei Steampunk ist, dass es bei Weitem noch nicht ausgereizt ist. Da ist für einen motivierten Phantasten unglaublich viel rauszuholen.

Wobei man unbedingt hervorheben sollte, dass natürlich kleinere engagierte Verlage wie z.B. Feder und Schwert, auch in Deutschland bezüglich Steampunk ernsthaft einiges versuchen und wagen. Da sind die sind die Kleineren meines Erachtens nach wesentlich weiter als die großen Verlage.

Lesung im Cinestart Leipzig, im Hintergrund der Werbepartner „Liquid Doom“

CW: Steampunk auf dem WGT, deine Einschätzung dazu?

Von Aster: Das muss ich mit einem klaren Ja beantworten. Ich bin leider ein alter, kritischer Ningler. Steampunk ist an sich natürlich wunderhübsch und prädestiniert dafür, auf dem WGT ausgeführt zu werden. Aber ich denke, es passt es nur bedingt, weil es für mich mehr, als bloß Optik ist.

Beim WGT ist der Vorteil, dass man alles tragen, alles machen darf und alles erlaubt ist, was spannend ist. Ich persönlich fände ein genuines Steampunk-Festival besser. Es gibt ja z. B. die legendäre Fark und ähnliche Veranstaltungen, wo ich das Ganze besser aufgehoben sehe.

Mein erstes massives Steampunker- Aufkommen habe ich auf dem Castlefest gesehen, aber da ist es eher so ein „Blending with the masses“, es versinkt immer im Rest der Phantastik. Man hat eine Gruppe mit zehn Steampunks, dann schauen alle und sagen „Wow, was haben die gemacht, kuck dir das an“, dann hüpfen 100 spärlich bekleidete Elfen drüber und es ist quasi vergessen.

Das ist beim WGT natürlich auch so: man hat was hübsches, kuckt sich das an, kommt mit den Leuten ins Gespräch und dann wogen so ein paar halbnackte Lackbrüste vorbei und es wird zu egal.

Ein Steampunk Festival vom Ausmaß des Wave Gotik Treffens, in Hallen die eigens dafür hergerichtet sind, mit funktionierender alternativer Technologie, einer Location, die dafür am besten auch noch richtig gebaut wird. Steam World quasi. Aber das ist natürlich ebenso aufwendig wie kostspielig und unrealistisch.
Da ist die Fark schon sehr großartig, wie die Veranstaltung sich binnen kürzester Zeit mit Hilfe engagierter Leute entwickelt hat und wie sie gehandhabt wird. Was aber nur funktioniert, weil da Leute mit Herzblut und Dampf hinter stehen.

Und im Rahmen des WGT – egal, wie viel Herzblut da auch drin stecken mag – fließt inzwischen am Ende mehr Geld als Herzblut. Und Geld schafft schlussendlich immer Missverständnisse, das ist das Dumme daran.

CW: Ein paar letzte Worte?

Von Aster: Ich möchte zuletzt noch dafür plädieren, bei aller Liebe für den Steampunk doch bitte immer auch die kleine Randgruppe der Steamconservatives zu würdigen. Danke sehr.

Der Clockworker bedankt sich für das sehr spontane Interview und die Geduld beim Beantworten der Fragen!

 

Wer sich nun gerne selbst ein Bild vom Herrn von machen möchte, dem sei seine Internetpräsenz ans Herz gelegt: www.vonaster.de und natürlich seine Bücher.

Wer ihm gerne einmal lauschen möchte, kann dies auf dem M’era Luna Festival und natürlich auf der bereits mehrfach erwähnten Fark tun. Nutzt die Chance, wenn sie sich euch bietet!

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