Die Abenteuer des Richard Dean Donahue - Teil 2

Es geht weiter mit den Abenteuern des Richard Dean Donahue von A.-G. Piel mit Illustrationen von Felix Möbus.

Dean ächzte, wollte sich ducken, wurde aber festgehalten; im nächsten Moment machte er neuerliche Bekanntschaft mit Silvermans Faust.

Er hatte nicht nachgedacht. Silverman pflegte alleine zu arbeiten, schon seit jeher, und das war seine größte Schwäche. Genau deshalb konnte Dean ihm immer entkommen, und er verließ sich auf die Unverbesserlichkeit des Kopfgeldjägers, wie auf ein Naturgesetz. Anscheinend hatte Ashley falsch gelegen: Menschen können sich doch ändern. 

Als Silverman ihm einen weiteren Schlag verpasste, diesmal in die Magengrube, stöhnte er und riss mühsam den Kopf hoch. „Verdammt, Ernest, lass es gut sein! Du siehst doch, dir ist jemand zuvorgekommen, also wenn du mich schon umbringen musst, dann tu’s gleich und mach’s kurz. Noch mehr Schläge brauche ich wirklich nicht.“

„Du gibst hier niemandem mehr Befehle, Arschfresse! Hast du gehört, Arschfresse! Jetzt habe ich das Sagen, Arschfresse!“ Silverman lachte auf und gab ihm eine Ohrfeige, die das Blut in seinem Kopf rauschen ließ.

„Mach endlich hin!“

Die nervöse Stimme in Deans Rücken war ihm unbekannt; was folgte, hatte er allerdings kurz zuvor erlebt, wenn auch nur im Traum: Mit einem Ruck riss man ihm den Kopf zurück, sodass sein Hals bloßlag.

„Ist das dein Ernst?“

Er schloss die Augen. Wenigstens kannte er Silvermans Namen. Das machte es aber auch nicht besser.

„Du sollst so sterben, wie sie gestorben ist. Das hat er gesagt.“

Dean hörte, wie eine Klinge aus metallener Scheide gezogen wurde.

„Wie oft muss ich noch sagen, dass ich das nicht war? Ich hab niemanden getötet!“

„Du bist schon ein paarmal abgehauen, oder?“

„Ja! Weil du mich umbringen wolltest!“

„Was auch immer. Grüß mir die Hölle, Arschfresse!“

Dean hielt den Atem an und hörte auf, sich zu winden. Es hatte keinen Sinn. Besser, er machte sich wirklich für die Hölle bereit. Auch wenn er nie einen Menschen getötet hatte, war er doch kein Unschuldslamm gewesen. Vielleicht konnte er sich den ein oder anderen Besuch im Himmel erschwatzen.

Für endlos lange, quälende Sekunden geschah überhaupt nichts. Dean, der nicht länger die Luft anhalten konnte, keuchte und blinzelte vorsichtig. Silverman, der ein Bostoner Metzgermesser in der Hand hielt, starrte ihn an und rührte sich nicht. Nein, er starrte nicht ihn an, sondern seinen Hals.

„Was denn? Sag mir nicht, dass ausgerechnet du damit Probleme hast!“, knurrte Dean.

Er hatte sich auf den Tod vorbereitet. Ihn jetzt so warten zu lassen, empfand er als unhöflich.

„Gott …“, murmelte Silverman und blinzelte, als hätten Deans Worte ihn aus einer Starre gerissen. „Schau dir das an, Bertram … ist es das, was ich denke?“

Der Kerl in Deans Rücken zerrte ihn zur Seite und mehr ins Licht der Gaslaternen, draußen vor dem Fenster.

„Sieht so aus. Verdammter Dreck.“

„Grundgütiger, Arschfresse“, Silverman ließ sein Messer verschwinden und schüttelte den Kopf, „du sitzt ja tiefer in der Scheiße, als ich dachte! Nichts für ungut, Mann.“

„Nichts für … was? Wie?“ Dean ging in die Knie, als Bertram sich von ihm löste. „Wovon, zum Teufel, sprichst du da?“ Beinahe hätte er geweint.

Silverman antwortete nicht. Stattdessen schenkte er Dean einen mitleidigen Blick und verschwand ohne eine Erklärung durch die weit geöffnete Tür. Als Bertram ihm folgte, konnte Dean sehen, dass der Mann das weißblonde Haar und die bleiche Haut eines Mesmeriten besaß.

„Magnetismus“, murmelte er und seine Stimme brach. „Grund…gütiger Gott!“

abenteuer2

Es war eine Weile her, dass er so kurz vor dem Ende gestanden hatte, und Dean bemerkte, dass er das immer schlechter verwinden konnte. Er wischte sich fahrig über die Wangen und zwang sich, aufzustehen. Er musste fort, nur für den Fall, dass Silverman und sein magnetischer Kumpel es sich anders überlegten. Doch zuvor …

Mit einem Satz war er aus dem Zimmer und lief zum Ende des Gangs. Dort stieß er die Tür zum Waschraum auf, entzündete die Laterne neben der Wasserschüssel und hob sie vor den Rasierspiegel, der an einem Nagel auf Augenhöhe hing. Was er sah, ließ ihn erschauern: Direkt neben seinem Kehlkopf befand sich ein filigranes Narbenmuster, das hell aus den Bartstoppeln hervorstach. Keine Wunde, sondern eine verheilte Narbe, als befände sie sich seit Jahren dort. Er versuchte zu erkennen, was sie darstellen sollte, denn ganz offensichtlich hatte ihm jemand eine Art Zeichen verpasst. Doch dazu war es zu dunkel.

„Scheiße“, murmelte er, und es kam von Herzen.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Im Eiltempo packte er seine wenigen Sachen und machte sich auf den Weg zurück zur „Highend Tavern“. Eine solche Nacht konnte durch ein zweites Besäufnis auch nicht verschlimmert werden.

Die „Tavern“ hatte rund um die Uhr geöffnet, eine Besonderheit, die aufgrund der Gutmütigkeit einiger Constables Fortbestand hatte. Nur noch wenige Trinker hatten sich über den Raum verteilt und zogen missmutig an ihren Pfeifen, wenn sie nicht über ihren Gläsern brüteten. Die Stimmung um vier Uhr morgens war erwartungsgemäß gedrückt, aber Dean wollte auch nicht feiern, sondern nachdenken. Der Wirt erkannte ihn wieder, nickte ihm zu und stellte ein Glas auf den Tresen, als er sich auf einem der Barhocker niederließ.

„Lange Nacht gehabt?“

„Ich glaube schon, ja.“ Dean nahm den doppelten Whisky dankbar entgegen und leerte ihn in einem Zug. „Nochmal das Gleiche.“

„Kommt sofort.“ Der Wirt schenkte ihm nach, behielt die Flasche aber vorsorglich in der Hand. „Bevor ich’s vergesse … für sie wurde eine Nachricht hinterlassen.“

Dean, der das Glas schon an den Lippen hatte, hielt inne. „Eine Nachricht? Von wem?“

„Einem Kerl namens Eddy. Amerikaner, so wie sie.“

„Eddy.“ Er setzte ab, starrte den Wirt ungläubig an, hob das Glas wieder und leerte es ruckartig. „Geben sie mir die Nachricht … und lassen sie die Flasche hier, ok?“

Mit zitternden Fingern nahm er einen versiegelten Umschlag entgegen. Er kannte das Symbol im Wachs nicht, konnte es nicht einmal richtig erkennen, denn es bestand aus nicht mehr als ein paar dünnen Strichen. Rasch brach er das Siegel und betrachtete die in geschwungenen Lettern verfasste Nachricht, ehe er sie wirklich las:

Verehrtester Mister Donahue,

entsprechend unserer Vereinbarung des vorigen Abends ersuche ich Sie dringendst, der nachkommenden Bitte Folge zu leisten: Sie sind dazu angehalten, unser Eigentum ausfindig zu machen und an sich zu nehmen, wenn möglich, ohne dabei allzu großen Schaden anzurichten oder zu nehmen.

Bei dem Eigentum handelt es sich um das sogenannte „Blaue Auge des Horus“, ein überaus empfindliches und ebenso kostbares Relikt. Aufgrund einiger bedauerlicher Missverständnisse befindet sich diese unsere Habe im Besitz eines gewissen Andrew McCormick.

Mister McCormick wurde zuletzt in seiner Heimatstadt Edinburgh gesichtet, wahrscheinlich, um seinen dreißigsten Geburtstag zu begehen. Es ist durchaus möglich, dass sich das Auge zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr in seinem Besitz befindet, doch ein kluger Mann wie Sie wird sicherlich einen Weg finden, es an sich zu bringen.

Sobald Ihnen dies gelungen ist, kehren Sie auf dem schnellsten Wege nach Inverness zurück und warten in dieser Schenke auf ein Zeichen unsererseits.

Ich hoffe, Sie sind sich im Klaren darüber, dass ein Widersetzen inakzeptabel ist und eine weniger glimpfliche Fortsetzung unseres Gesprächs zur Folge haben wird.

Bei der Zollbehörde des Lufthafens wurde für Sie ein Päckchen hinterlegt, das zwei Flugtickets, sowie eine  Unkostenpauschale enthält. Finden Sie sich morgen dort ein und nehmen Sie die erste Dampfkutsche nach Edinburgh, andernfalls müssen wir davon ausgehen, dass sie größeres Interesse daran haben, unser Gespräch fortzusetzen, als unserer Bitte nachzukommen.

Ergebenst und mit bestem Dank

die Gesellschaft zur Pflege erhaltenswerter Kleinode (i.A. W.H.)

„Sie meinen es ernst“, flüsterte Dean und ließ seine Finger suchend über den Tresen gleiten, „sie meinen es wirklich ernst.“ Als er sein Glas gefunden hatte, stellte er fest, dass es immer noch leer war. Die Tragödien des Tages nahmen kein Ende.

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