Die Abenteuer des Richard Dean Donahue

Der Clockworker startet heute mit einer neuen literarischen Reihe, nämlich den „Abenteuern des Richard Dean Donahue“ aus der Feder von A.-G. Piel mit Illustrationen von Felix Möbus.

Wir wünschen viel Vergnügen bei der Lektüre.

 

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„Mister Donahue! Was für eine Freude, Sie endlich kennenzulernen.“
Der Mann, der sich Dean bis auf zwei Schritte näherte, trug eine freundliche Miene zur Schau und rieb sich die Hände, so als könne er das folgende Gespräch kaum erwarten. Dean lächelte, so gut es ihm mit der aufgeplatzten Lippe möglich war, und musterte seinen Gegenüber, während sein linkes Auge zuschwoll.

Der Mann hatte Geschmack, das musste man zugeben, auch wenn die Farbe von Gehrock und Hose mit Dunkelrot wenigstens als gewagt zu bezeichnen war. Dagegen waren das strahlend weiße Hemd, das dunkelblaue Krawattentuch, der schimmernde Zylinder und vor allem der perfekt gestutzte, sandfarbene Schnurrbart Vorzeigemerkmale eines eleganten Gentleman. Nur dass die Lackschuhe von Schlamm bedeckt waren, trübten das Bild, aber man musste wohl Abstriche machen, wenn man sich in gottverlassenenen Sümpfen zu verabreden pflegte. Der Mann war Anfang vierzig und damit etwa zehn Jahre älter als Dean, zum momentanen Zeitpunkt aber in weit besserer Verfassung. Dean hustete und spuckte einen Klumpen Blut aus, drehte dabei jedoch höflich den Kopf zur Seite.

„Ich würde ja sagen, dass die Freude ganz auf meiner Seite ist, aber …“, er grinste schief und räusperte sich.
„Ach ja. Die Unannehmlichkeiten. Ich verstehe.“ Der Mann nickte wissend. „Wir dachten uns, das sei vonnöten. Nun, Eddy hier denkt natürlich nicht“, er machte eine Geste in Richtung des Riesen, der Dean mit einer Hand aufmischen könnte, aber beide benutzt hatte, „doch ich war der Ansicht, dass Sie sich von Anfang an darüber im Klaren sein sollten, worum es geht.“

„Ach ja? Und worum geht es?“
„Um nicht weniger als Ihr Leben.“
Eddy griff nach Deans Schultern und drückte ihn auf die Knie. „Wussten Sie, dass Eddy Amerikaner ist? So wie Sie!“ Der Gentleman fuhr im Plauderton fort, während er sich ein Paar lederne Handschuhe überzog.
„Wer schickt Sie?“ Dean ächzte, als Eddy seinen Kopf zurückriss und seine Kehle freilegte. „Hören Sie, wenn es um Alburquerque geht, können wir uns doch bestimmt einigen!“ Der Mann lächelte und zog ein schmales Lederheft aus seinem Gehrock. „Es geht nicht um Alburquerque.“
„New York?“
„Nein, auch nicht um New York.“
„Chicago?“
„Keineswegs.“
„Orangedale?“
Der Mann hielt inne und schüttelte langsam den Kopf.. „Okay“, sagte Dean, „das Letzte war nur ein Test. In Orangedale habe ich mir tatsächlich nichts zuschulden kommen lassen.“
Als Eddy heftig an seinem Haar riss, stöhnte er und öffnete die Augen weit.
„Sie legen einen seltsamen Witz an den Tag, wenn man Ihre Situation bedenkt“, sagte der Gentleman und entnahm dem Lederheft eine dünne Klinge, die im Licht der einzigen Laterne goldgelb schimmerte. Das Messerchen erinnerte Dean an einen Brieföffner; als der Mann nähertrat, konnte er sehen, dass die Schneiden stumpf waren – das Ende dafür umso spitzer.
„Ich muss doch ohnehin sterben“, erwiderte er leise. „Hören Sie, wenn Sie mir schon nicht sagen, weshalb, dann verraten Sie mir wenigstens, wie Sie heißen. Ich wusste ja, dass es irgendwann so zu Ende gehen muss, aber ich habe mir immer gewünscht, dass ich wenigstens weiß, wer es tut. Kommen Sie, Mann … so unhöflich können Sie nicht sein!“

„Sie schinden Zeit.“ Der Mann lächelte. „Dabei besteht dazu keinerlei Veranlassung. Wir sind nicht hier, um Sie zu töten.“ „Ach nein? Und warum schleifen Sie mich dann in diese Einöde, wenn Sie sich meiner nicht entledigen wollen?“

Mit einem Satz war der Mann bei ihm und hielt das Messer an seinen Hals; Dean spürte, wie es kalt und spitz über seine Haut fuhr.
„Ganz einfach.“ Die Stimme des Mannes war jetzt ganz nah, sie kribbelte über Deans Haut. „Sie sollen absolut überzeugt sein, dass es mir ernst ist, ehe Sie erfahren, was Ihr Auftrag ist. Und ich meine es ernst, Mister Donahue!“

Dean fuhr hoch und griff im Reflex unter sein Kissen, als er einen Schrei hörte. Erst, als er die Maggy in der Hand hielt, wurde ihm klar, dass es sein eigener Schrei gewesen war, der ihn geweckt hatte. Er war schweißgebadet und atmete so schwer, als hätte er einen Berg erklommen.

„Alles okay …“, murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen, „alles in bester Ordnung.“
Er sicherte die Maggy widerwillig, behielt sie aber noch einen Moment in der Hand. Das Gefühl der Waffe half weit mehr als jede Selbstsuggestion, seinen rasenden Herzschlag zu besänftigen. Er betrachtete seine aufgeschürften Finger und wunderte sich über seinen schmerzenden Schädel, bis ihm die Prügelei des gestrigen Abends wieder in den Sinn kam.

„Mister Donahue? Geht es Ihnen gut?“ Die Stimme des Gastwirts war durch die Eichentür nur schwer zu vernehmen. „Sicher, mein Bester“, antwortete er und zwang sich, die Maggy zurück unters Kissen zu schieben. „Ich hatte nur einen schlimmen Traum.“

„Den hatten Sie aber ganz schön laut!“ Missfallen schwang in den Worten mit.
„Guter Gott, nun tu‘ nicht so, als würdest du das Palmer House führen“, knurrte er und rief dann lauter: „Er war auch ganz

schön schlimm!“
Seufzend sank er zurück aufs Laken und verschränkte die Hände im Nacken. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Dean starrte zur schmutziggrünen Decke hinauf, lauschte den sich entfernenden Schritten und spürte, wie der Schweiß unangenehm kalt auf seiner Haut trocknete, während er über den Traum nachdachte. Warum hatte er von dem Kerl geträumt, der ihn verprügelt hatte? Warum hatte er ihm im Traum einen Namen gegeben und die Geschehnisse weitergesponnen? Und was sollte der Mist mit dem Gentleman und dem goldenen Brieföffner? Vielleicht hätte er doch besser die Finger vom schottischen Whiskey lassen sollen.
Ein leises Geräusch am Fenster warnte ihn, ehe sich noch der Schatten vor das Licht der Straßenlaternen schob. Mit einem Sprung war Dean auf den Beinen, umklammerte die Maggy mit der Linken und presste sich flach atmend an die Wand neben der Tür. Etwas kratzte kaum hörbar über die Scheibe, dann bewegte sich wie von Zauberhand der simple Haken, der es innen schloss.
Magnetismus, schoss es ihm durch den Kopf. Während er den Haken wie hypnotisiert anstarrte, schob er sich nach rechts und packte die Griffe seiner vorsorglich gepackten Tasche. Als er sich zurück nach links gleiten ließ, wurde ihm klar, dass er keine Hand frei hatte, um die Tür zu öffnen. Der einfache Gedanke löste seine Starre; einen stummen Fluch auf den Lippen ließ er die Maggy in seine Tasche gleiten, warf sich herum und riss die Tür auf.
„Hallo, Arschfresse!“
Eine Faust füllte seine gesamte Welt aus, traf seine Wange und beförderte ihn zurück ins Zimmer. Dean taumelte, stieß gegen das Bett, fing sich aber, ehe er das Gleichgewicht verlieren konnte. Einem zweiten Schwinger wich er mehr durch Glück aus, als er sich bückte und in seine Tasche griff; sie war ihm aus den Fingern geglitten, kaum dass sein Gesicht von dieser

fünffingrigen Dampfkutsche erwischt worden war. Er umfasste den Griff der Maggy und riss sie nach oben. Dabei traf sein Hinterkopf das Kinn seines Angreifer; der Schädel des anderen schnappte zurück wie bei einer Kinderpuppe.

„Autsch!“ Dean verpasste ihm einen harten Schlag gegen die Brust und richtete sich ganz auf, die Maggy vor sich haltend. „Mal ganz langsam, Freundchen!“ Er blinzelte verblüfft, als er ihn erkannte. „Silverman?“

„Arschfresse!“, presste der Schläger hervor und hielt sich dabei das Kinn.
„Was willst du denn in Schottland?“
„Was glaubst du wohl? Dich fertig machen, Arschfresse!“

„Hey …“ Dean zielte mit etwas mehr Nachdruck, „noch einmal dass hässliche A-Wort und du lernst mich kennen.“
„Ich kenne dich schon längst, genauso wie dein kleines Spielzeug“, höhnte Silverman. „Mit so’n bisschen Schmerzen werd‘ ich fertig … Arschfresse!“

„Auf die Entfernung bin ich unsicher, ob ein Schuss aus der Maggy nicht doch tödlich ist, also reiß dich zusammen.“ Dean atmete tief durch. „Jetzt sag mir nicht, dass sie dich den ganzen Weg von Alburquerque bis nach Inverness geschickt haben, nur um mich ausfindig zu machen!“

„Fühl‘ dich lieber nicht zu geehrt.“
„Das mach ich schon nicht.“ Dean lächelte gequält. „Komm schon, Silverman, müssen wir das wirklich schon wieder durchziehen? Bist du’s nicht auch leid?“
„Und wie ich’s leid bin! Deshalb endet es auch heute, jetzt und hier.“
„Sicher. Wie schon in Phoenix und New York und Chicago und …“
Zwei Hände griffen von hinten nach ihm und drückten seine Arme nach unten.
Verdammt, das Fenster! 

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