Die zerbrochene Puppe - Judith & Christian Vogt

Das Steampunk-Label des Verlags Feder & Schwert ist weiterhin das Highlight der deutschen Steampunk-Literatur. Ganz davon abgesehen, dass sie als einziger deutscher Verlag mit „Steampunk“ Werbung machen und die Bücher explizit so ausschreiben, entdecken sie eine Perle nach der anderen und zeigen, dass es auch abseits des amerikanischen Mainstreams spannende Werke gibt. Aktuelles Beispiel dieser Glücksgriffe ist der Roman „Die zerbrochene Puppe“ von Judith und Christian Vogt.

Als Steampunk-Roman ist er gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Zum handelt es sich um deutsche Autoren, zum anderen – was ich persönlich unglaublich gut finde – spielt die Geschichte nicht in London oder Seattle, sondern in Kontinental-Europa. Dabei sind die Handlungsorte kein austauschbares Beiwerk, sondern bringen ihre eigene Kultur und Prägung der Protagonisten in die Handlung ein. Friesische Luftpiraten, Städte in den norwegischen Eisbergen, die Orte sind ebenso wichtig wie die Charaktere und die Handlung, was sich auch in der Sprache der einzelnen Protagonisten niederschlägt. Die nordische geprägten Orte schlagen sich auch in den Namen wieder, wir begleiten Naðan und seine Puppe Ynge, in der der Geist Æmelies wohnt. Auch wenn die Sonderzeichen für einen deutschen Leser eher ungewöhnlich sind, ist diese Namensgebung beim Lesefluss kein Nachteil.
Der „Held“ Naðan ist auch alles andere als ein Held, zerbrochen durch den Verlust seiner großen Liebe, am Rande des Wahnsinns, schleicht er als feiger und getriebener Geist durch die Handlung (so sehr, dass ich ihm gerade am Anfang gerne mal geschüttelt hätte) und sucht nach den Hintergründen für den Tod von Æmelie. Allerdings wandelt er sich, lernt dazu und mit ihm nimmt auch die Geschichte Fahrt auf – bis zu ihrem rasanten Finale.
Die Technik ist angenehm „realistisch“ und greift nicht in die Fantasy-Kiste, bei der einfach alles nur einen Technobabbel-Namen braucht, um zu funktionieren. Ich vermute, dass dahinter Christians Vogts Physikstudium steckt ;-)

Mein einziger (persönlicher) Kritikpunkt: Mir ist der Pace am Anfang etwas zu träge und Naðan „mimimi“ hat mich echt genervt. Das gibt sich aber sehr schnell und der Rest des Romans macht das mehr als Weg. Es bleibt zu hoffen, dass Judith und Christian bald wieder die Fantasy-Wälder verlassen und ein Luftschiff besteigen, so dass wir bald einen neuen Steampunk-Roman aus ihrer Feder lesen dürfen. Das ergibt insgesamt:

9 von 10 Cocktails

Klappentext:
Die Physikerin Æmelie stellt auf einer Konferenz in Venedig den Prototypen einer Brennstoffzelle vor. Kurz darauf dringen wandelnde Tote in ihre Unterkunft, die sie mit ihrem Mann Naðan bewohnt, und töten die Wissenschaftlerin, der es gerade noch gelingt, ihrem Mann die Flucht zu ermöglichen. Das Letzte, was sie ihm mit auf den Weg gibt, ist Æmelies alte Porzellanpuppe Ynge, die von nun an Naðans beste Freundin wird, da sie mit der Stimme seiner verstorbenen Frau spricht. Die sterblichen Überreste seiner geliebten Frau indes verschleppen die wandelnden Kadaver. Die Polizei kann seiner Spur bis nach Æsta, einer schwimmenden Stadt auf einem Eisberg, folgen, wo sie sich verliert. Der verzweifelte Naðan jedoch beschließt, weiter nach Æmelies Leiche zu suchen. Mittellos sucht er zwischen Gewerkschaftlern, Huren und Opiumsüchtigen nach dem Täter.Eine Odyssee beginnt, in deren Verlauf Naðan zahlreiche Irrungen und Wirren durchleben muss, ehe er einem schrecklichen Geheimnis auf die Schliche kommt. Zuvor jedoch muss er mit friesischen Luftpiraten und der Spionin Tomke nach Hochgotland im Harz, um eine Streitmacht gegen Æsta auszuheben.

Die zerbrochene Puppe – Judith & Christian Vogt
Broschiert: 400 Seiten
Verlag: Feder & Schwert; Auflage: 1., Auflage (September 2012)
ISBN-10: 386762156X
12,99 EUR

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