WGT 2012 - Picknick im Park

Steampunk-Picknick

Alle Jahr wieder trifft sich die schwarze Szene zu Pfingsten in Leipzig und alle Jahre wieder schreibe ich einen Bericht.Das 21. WGT hat wie jedes Jahr die Stadt in ein schwarz-buntes Treiben verwandelt und obwohl es mein x.tes WGT war, wird es nie langweilig. Dazu ist das Programm zu abwechslungsreich und die Stimmung während der vier Tage unvergleichlich. Im Gegensatz zu “normalen” Gothic-Festivals, sind die Headliner der Konzerte für mich mittlerweile nettes Beiwerk. Deutlich spannender sind die kleinen, unbekannten Künstler, die man eher zufällig entdeckt. Daneben bestand noch die Möglichkeit zahlreiche Museen, Ausstellungen und sogar ein Opern-Konzert mit Montserrat Caballé oder sich einfach nur bei bestem Wetter mit Freunden zu treffen und die angenehme Stimmung zu genießen.

Premiere hatte dieses Jahr das Steampunk-Picknick im Park der Moritzbastei. Miss Darcy hatte im Rauchersalon zu einem lockeren Treffen der steampunkenden Besucher desWGTs eingeladen und sie kamen zahlreich. Ebenso zahlreich waren auch die fliegenden Fotografen des WGTs gekommen, die die anwesende Gesellschaft in allen möglichen und unmöglichen Positionen ablichtete. Trotz dieses Schwarms an klickenden Geräten, verbrachte man den Nachmittag mit Unterhaltungen über die neuesten Erfindungen der Aethertechnologie und bestaunte manches Gerät aus der Werkstatt. Ein paar Impressionen von Sir Roland von Hahneberg geben die angenehme Atmosphere des Treffens gut wieder und fangen die Eindrücke noch relativ zu Beginn des Picknicks ein. Überhaupt konnte man an fast jedem Ort des WGTs einem Steampunker – oder zumindest jemanden im Steampunk-Outfit entdecken, während die Cyber-Goths (auch liebevoll Schlauch-Köppe genannt) gefühlt weniger waren als sonst. Optisch gab es wirklich viel zu sehen, dabei kam aber auch immer wieder eine Frage auf, die mir gerade von nicht-steampunkenden Freunden gestellt wurde: “Und was macht man da so? Außer Klamotten mit Zahnrädern anzuziehen?” Zumindest im Rahmen des WGTs beschränkt sich Steampunk rein auf die Kleidung, die eventuell mit einem Gadget als Accessoire aufgewertet wird. Da es dazu an einer bestimmbaren Kategorie “Steampunk-Musik” fehlt, ist es für Außenstehende fast unmöglich den Sinn hinter Steampunk zu verstehen – außer als reine Modeerscheinung.

(Vom Viktorianischen Picknick kann ich leider nichts berichten, da ich zu dem Zeitpunkt noch auf der Autobahn war.)

Wardruna

Während im letzten Jahr mit Waves under Water wenigstens eine Band  gab, die in den Bereich der Steampunk-Musik zu zählen waren, fehlte so eine Band dieses Jahr komplett. Auch die Mittelalter-Musik fand fast ausschließlich im Rahmen des Heidnischen Dorfes statt, wo ihr aber genau der richtige Rahmen  geboten wurde. Dort begann dann auch für mich das erste Konzert des WGTs: Wardruna aus Norwegen verzauberte das Heidnischen Dorf mit Runengesängen und mystischen Anrufungen aus einer anderen Zeit. Musikalisch hat der Bandgründer Einar ‘Kvitrafn’ Selvik seine Wurzeln im Black Metal. Bei Bands wie Gorgoroth oder Jotunspor saß er an den Drums, davon ist bei Wardruna aber nur noch sehr unterschwellig etwas zu hören. Kvitrafn spielt bei Wardruna mit spirituellen, ethnischen Klängen, tiefen Trommeln und mehrstimmigen Gesang der einem direkt unter die Haut geht. Die Frage, ob Musik magisch ist, brauchten sich die Besucher des Konzertes nicht mehr zu stellen. Der Zauber hing spürbar in der Luft und machte die nordische Mythologie direkt greifbar. Leider spielte Wardruna nur eine Stunde und konnte trotz lauter Rufe nicht mehr auf die Bühne gebracht werden.

Combichrist

Ebenfalls Norweger, aber völlig andere Töne schlugen am nächsten Tag Combichrist an. Die Band des ehemaligen Icon of Coil Frontmanns Andy LaPlegua, ließ die Agra-Halle in technoiden Sounds versinken und versetze das Publikum direkt in Tanzstimmung. Andy wirbelte wie ein Dämon über die Bühne und seine Energie steckte jeden im Raum an, denn so ziemlich jeder Combichrist-Song ist ein clubbekannter Szenehit, der die Tanzfläche in Sekunden füllen kann. Da fällt es auch kaum auf, dass die Band seit 2010 kein Album mehr veröffentlicht hat und sich ihre letzte große Medienaufmerksamkeit als Vorband für Rammstein erarbeitet hat.  Mit zertanzten Füßen, reichlich verschwitzt, aber glücklich verließ man am Ende der Powershow das Agra-Gelände, um sich noch einen wohlverdienten Absacker in der Moritzbastei zu gönnen, um dann für den nächsten langen WGT-Tag ins Bett zu fallen.

Sonntag, Tag 3, war für mich ein Tag der musikalischen Gegensätze. Begonnen wurde der Reigen in der Kuppelhalle mit Solblot aus Schweden, die ganz klassischen Neofolk spielen. Das war nett anzuhören, hinterließ aber bei mir keinen bleibenden Eindruck. Auf CD gefallen mir Solblot deutlich besser, wahrscheinlich weil man sich dann der ruhigen Atmosphäre der Songs mehr hingeben kann und nicht vom Hintergrundgemurmel des Publikums abgelenkt wird. Nächste Band sollte Ain Soph aus Italien werden, die ich vor drei Jahren schon mal ertragen durfte. Also schnell die Halle verlassen und in den benachbarten Beach Club gegangen. Der Wechsel von düster-melancholischer Stimmung auf die angenehme Beach-Stimmung im La Playa ist zwar ungewohnt, lohnte sich aber sehr. So konnte man mit den Kollegen eine kleine Redaktionssitzung im Liegestuhl bei Cocktails halten, während man entspannt den Volleyball-Spielern zu sah. Nach dieser Pause ging es wieder zurück in den Volkspalast, diesmal zu Dernière Volonté aus Frankreich. Die Band um Frontmann Geoffroy D. spielt Military/Martial Pop, der gute Ohrwurm-Qualitäten hat und einen auch noch lange nach dem Konzert mitsummen ließ.

Peter Heppner

Ein besonderes Highlight eines jeden WGTs ist das Mitternachts-Special, bei dem meist ein Künstler gewonnen werden kann, der schon sehr lange nicht mehr live auf der Bühne zu sehen war. Dieses Jahr gab es nur ein Mitternachts-Special, da hatte es aber dafür in sich: Peter Heppner, die Stimme von Wolfsheim und des deutschen Elektropops überhaupt, betrat nach Mitternacht die Bühne und stellte sich dem begeisterten Publikum. Sympathisch zurückhaltend stellte Heppner erst seine Band und schließlich sich mit den Worten “… und ich bin der Peter, ich singe hier.” vor, um dann das Publikum mit seinen Welthits zu verzaubern. Egal ob Meine Welt oder Kein Zurück, Leben – I feel you bei jedem Song stimmte das Publikum mit ein und sang voller Begeisterung mit. Natürlich durfte auch The Sparrows and the Nightingales nicht fehlen, der Song der Wolfsheim/Heppner in die Spitze der Gothic-Szene befördert hat und mit dem wohl jeder irgendeine Art von Erinnerung verbindet. Den krönenden Abschluss als Zugabe bildete dann “Die Flut“, die ursprünglich mit Joachim Witt aufgenommen wurde. Vermisst hat Witt bei diesem Song aber sicherlich niemand, wohl aber noch viele weitere Zugaben…

Masha Scream - Arkona

Am letzten Tag des WGTs sollte es für mich noch mal ordentlich auf die Ohren geben. Auf meinem kleinen Laufplan stand Metal auf dem Programm und damit eine für mich neue Location: Der Felsenkeller. Von einem “Felsenkeller” war dort wenig zu sehen, dafür aber ein sehr gemütliche Halle am Rande von Leipzig. Gegenüber versorgte ein kleiner Wächterhaus-Laden die Fans mit gutem Bier, zeigte aber auch: Selbst die alternative  Szene ist irgendwie “deutsch”, denn Montags wird nicht gearbeitet und es gibt keine Küche, selbst wenn 1000 Fans auf der anderen Straßenseite Hunger haben.  Die erste Band des Abends war für mich auch gleich die wichtigste. Arkona aus Russland, deren Musik ich schon länger auf CD verfolge und auf deren Live-Auftritt ich schwer gespannt war. Frontfrau Masha “Scream” verwandelte den Felsenkeller dann innerhalb weniger Sekunden in einen brodelnden Hexenkessel und die Temperaturen im Saal entsprachen eher einem russischen Badehaus, denn der sibirischen Steppe. Die Mischung aus russischem Folk, hartem Double-Bass, Riffs und Dudelsack traf voll den Geschmack der Anwesenden und der Hallenboden bebte durch die hüpfende Masse. Besonders beeindruckend ist dabei der Wechsel zwischen tiefen Growl und angenehmer Folk-Stimme, die Masha innerhalb eines Songs mehrfach vollzieht, um dann direkt mit der Handtrommel noch einmal selbst für Schwung zu sorgen. Die kleine Frau tobte über die Bühne, als würde sie eine ganze Horde Wölfe anführen und gönnte sich keine Sekunde Verschnaufpause. Leider war ihr Programm nach knapp 60 Minuten schon wieder rum und der enge Zeitplan ließ auch keine Zugabe mehr zu. Als nächsten standen Tyr auf dem Programm, aber da die Temperaturen schon an der Grenze des erträglichen waren und vor der Tür viele weitere Besucher auf Einlass drängte, wechselte ich den Plan und gönnte mir zum Ausklang des WGTs Ambient im Volkspalast. Zu Tzolk’in war ich leider etwas zu spät, mir wurde aber sehr begeistert von der Mischung aus südamerikanischer Mythologie, Soundteppichen und Videoproduktionen erzählt.

Näo

Wie schon erwähnt, sind die eigentlichen Highlights des WGTs immer die zufälligen Entdeckungen und kurz vor Ende des Festivals, sollte so etwas noch auf dem Programm stehen. Näo aus Frankreich sollten den Abend im Volkspalast beenden, die Besetzung mit Keyboard, Schlagzeug und E-Gitarre war für Ambient schon mal sehr ungewöhnlich und ich war gespannt was mich erwartete. Die Band existiert bereits seit 2002, war bis 2011 aber veröffentlichungsscheu im Untergrund geblieben und so niemanden ein Begriff. 2011 nahm sie das Label Ant-Zen unter Vertrag und versuchte den Ambient-Fans damit zu zeigen, dass E-Gitarre und Ambient sehr wohl eine gute Mischung sein können. Kaum erklangen die ersten Klänge von Näo war völlig klar: Das ist die Band des Abends. Bis in die letzten Ränge des Volkspalast wurde getanzt, gewippt und sogar vereinzeltes Headbanging war zu sehen. Völlig egal in was für eine Schublade Näo fallen, sie sind in der wichtigsten Schublade: Gute Musik! Den Stil zu beschreiben fällt schwer, irgendwo zwischen Prog-Rock, Soundteppichen und komplexen Keyboard-Melodien, bricht immer wieder ein hartes Schlagzeug durch, um alles zu durchbrechen. Vor dem geistigen Auge entsteht eine nächtliche Fahrt durch eine futuristische Cyberpunk-Stadt, deren regennasse Straße durch Neonlichter erleuchtet wird. Aber auch die Musiker waren von ihrem Auftritt völlig überrascht, man konnte richtig sehen, wie sehr sie sich über das begeisterte Publikum freuten und drehten von Song zu Song noch mehr auf – bis sogar ein Keyboard zerstört wurde. Näo hören und dann die CD kaufen (Amazon).

Das WGT 2012 war für mich wieder einmal ein Highlight des Jahres und das Hotel für das nächste Jahr ist bereits gebucht. Dann mit hoffentlich mehr Steampunkern und mehr Steampunk-Musik.

 

4 Kommentare zu WGT 2012 – Picknick im Park

  • Es war aber auch schön beim Picknick, um einiges besser und größer geworden als gedacht. Das kleine Planungskomitee ist bereits am Beraten für das nächste Jahr ;-)

  • Carsten

    Hi Captain Serenus,

    Hui – ein sehr schöner und ausführlicher WGT-Bericht! Ausgezeichnet. Ich war von Wardruna ebenso angetan wie du (oder vielleicht noch mehr, da ich mich im Austausch mit meinen Freuden vor Lob und Anerkennung über diese Band permanent überschlagen habe). Ich war zunächst ebenso enttäuscht wie du, als sie nicht wieder auf die Bühne kamen, habe dann später aber den Grund herausgefunden, als ich mir das Album “Runaljod – Gap Var Ginnunga” kaufte: Sie haben ihr komplettes Debut-Album gespielt – und mehr gibt es bis dato einfach noch nicht. Das zweite Album befindet sich noch im Entstehungsprozess – und anscheinend ist es noch ein langer Weg.
    Das Picknick war sehr schön, auch wenn wir mehr als Schaulustige denn als Teilnehmer da waren (meine Klamotte befindet sich immer noch in der Mache und wird erst nächstes Jahr fertig sein). Unsere Bilder können hier angesehen werden: http://www.fashion-und-lifestyle.de/wgt-2012-bilder-vom-viktorianischen-picknick-und-anderen-orten/
    Noch ein Wort zu Arkona: Masha und Co. haben gerockt wie immer – aber die Felsenkeller-Luft und -akustik sind einfach alles andere als ideal für eine solche Band. Im ersten Fall droht Erstickungsgefahr, wenn soviel Publikum da ist – und der schlechte Sound hat mich den ganzen Abend gestört. Habe da schon wesentlich bessere Arkona-Auftritte hinter mir. Aber da sie in den letzten Jahren ständig am Touren sind, wird sich da mit Sicherheit bald mal wieder was ergeben.
    Abschließend noch ein Hinweis zu den Fotostrecken unserer Lokalzeitung – haben da jedes Jahr eine beachtliche Sammlung an Bildern (kein Wunder, sitzen ja auch direkt an der Quelle).
    http://www.lvz-online.de/gestaltete-specials/wave-gotik-treffen-2011/wgt-fotos/das-wgt-2012-in-bildern/r-wgt-fotos-a-138482.html

    Vielleicht sieht man sich ja mal zu Pfingsten 2012!

    Grüße aus Leipzig

    Carsten

  • Carsten

    Pardon…Pfingsten 2013! ;-)

  • [...] im Blog und Podcast darüber berichten. Was letztes Jahr so passiert ist, könnt ihr noch einmal hier nachlesen oder hier [...]

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