Die "Zeitschneise" - Ein Bericht von Miss C. Tickerlein

Nun ist es geschafft – und ich bin erledigt. Oder eben auch anders herum, ganz wie´s beliebt.
Anfangs war die”Zeitschneise” ja eher so als zwangloses Spontantreffen: Wer kommt, kommt, wer nicht bleibt halt weg, und wenn´s voll ist, ist´s eben voll.
Meine unangestrengte Planungstaktik ging so lange auf, bis die Besucherzahlen so langsam den Rahmen der gebuchten Location zu sprengen drohten, und im Rauchersalon immer wieder “Veranstaltung wurde auf Facebook geteilt” zu lesen war. Und die Presse anrief. Und mir der Betreiber des ursprünglichen Cafés circa zwei Wochen vor Termin absagte. Und ich noch keine Ausweichmöglichkeit hatte…

Das Grauen! In ohnehin schlaflosen Nächten wälzte ich mich hin und her und ersann Horrorvisionen von 200 ungehaltenen Steampunks in voller Montur, die von ARD und der “Zeit” aufgepeitscht, meinen sozialen Tod vor verschlossenen Caféhaustüren fordern. Und dann war da ja auch noch ein Urlaub, seit langem gebucht und bis zum Vorabend der Zeitschneise geplant. Hat man in den Allgäuer Bergen eigentlich Handyempfang? Und was ist mit Internet? Na ja, falls alles den Bach runter geht, kann ich immer noch gleich dort bleiben und abgehalfterte Fremdenführerin im Schloß Neuschwanstein oder Halbtags-Biobäuerin werden.

Aber so weit kam es ja gar nicht. Das Café Nelson sprang total relaxt und äußerst unkompliziert in letzter Minute ein (auch wenn der Besitzer die ungemütliche Angewohnheit hat, auf E-Mails grundsätzlich nicht zu antworten. Was eventuell damit zusammenhängt, dass er sie erst gar nicht liest.) und stilisierte sich damit in nullkommanix zu meinem persönlichen Heldenlokal mit echten Erlöserqualitäten. Und die passende Atmosphäre hat es auch! Ein Gedicht.
Die darauf folgenden, kleineren Schwieigkeiten – gibt es einen Beamer? Ja. Nein. Vielleicht. Aber der geht nicht. Oder doch…? Und Internetanschluss? Wie viele Gäste kommen denn nun eigentlich? Bekommen die dann auch was zu essen? Wie jetzt, die wollen essen? Mannheim ist am Veranstaltungstag übrigens komplett für einen Marathon gesperrt, da gibt´s kein Durchkommen… Und was zur Hölle ziehe ich eigentlich an?! – waren im Vergleich zu dem vorangegangenen Streß so unbedeutend, dass sie eine schon fast tiefenentspannende Wirkung zeigten.


Bild: Demeter

Aber jeder Samstag kommt irgendwann, und so auch dieser. Um 13:00 Uhr waren die ausstellenden Künstler erwartet, um 14:00 die Gäste. Dass Steampunks anscheinend überpünktich und somit immer eine halbe Stunde früher dran sind als geplant, schiebe ich auf die im Überfluß vorhandenen Taschenuhren und die von mir geschürte Angst, es könne an Tischen und Platz mangeln. So war es um 15:00 auch schon recht voll und die Stimmung heiter.
Besonders schön war für mich der mit fast jedem Gast wiederkehrende Peinlichkeitsmoment “Wie, zur Hölle, stellt man sich in Steampunkkreisen vor?! Duzen? Siezen? Euchzen? Realname? Forenname? Einfach stumm reinschleichen?“, den jeder auf seine ganz persönliche Weise durchlebte. Herr Steam löste den seinen mit charmantem Handkuss, ein Gast ging erst mal wieder raus, eine junge Dame winkte aus sicherer Entfernung wie eine schüchterne Japanerin im Fernsehen.

Und dann kam das ARD-Kamerateam. Abgemacht waren eigentlich zwei Mann mit dezenter Kamera. Ja… Drei waren es dann aber doch, mit Schultercam und Beleuchtungsschirmen (die erst mal das vom Servicepersonal so liebevoll gestaltete “Willkommen-Steampunks-Es-Gibt-Chilli-Schild” verdeckten und langsam aber sicher die Veranstaltungsregie zu übernehmen drohten. Ein Glück hatte ich so eine wahnsinns Wichtigtuerlounge mit roten Sofa und riesen Steuerrad, da viel das Aufbegehren nicht all zu schwer. So was will ich jetzt auch zuhause.
Aber richtig engagiert waren die Jungs. Und einen wirklich netten und erstaunlich unpeinlichen Beitrag haben sie da zusammengeschnippelt, das muss man ihnen lassen.


Bild: Ambra Renfield

Wie man das vom Radio kennt, hielt sich die Dame welche für die “Zeit” so allerhand Leute interviewte dezent im Hintergrung und wartete geduldig, bis man sie ansprach. Zumindest kam das bei mir so an. Und interessante Fragen hat sie gestellt! Darüber, ob die Rock-und-Korsagen-Mode der Steampunkerinnen etwas mit einem antiquierten, antifeministischen Frauenbild zu tun haben könnte, denke ich noch immer nach (und werde eventuell auch bald etwas dazu schreiben).

Um das Ganze hier mal auf den Punkt zu bringen: Alle vorangegangene Angst war umsonst.
Das Café Nelson erwies sich als idealer Ort der Zusammenkunft, alle hatten Platz, die Künstler waren großartig und jeder trug auf seine Weise zum Gelingen der “Zeitschneise” bei, egal ob Aussteller, Performer oder “nur” Gast. Obwohl, zu letzteren muss man sagen, dass sie ja auch schon irgendwie ausstellende Künstler waren, Alles in Allem, denn nahezu jede einzelne Klamotte war ein Kunstwerk für sich.
Die Gespräche drehten sich zum Großteil tatsächlich um Steampunk und alles was damit zusammenhängt, und so weit ich das beurteilen kann, wurden fruchtbare Kreativverbindungen geknüpft. Duelle wurden keine ausgefochten und mit spitzen Stöcken auch niemand gepiekt.

Mein Fazit: Für mich ein rundum gelungenes Experiment, eines das ich gerne wiederholen würde. Nur eben dann noch größer, bunter, mit live Musik und allem Tamtam. Man muss sich ja stets steigern.
Und als schöne Nebenerkenntnis: Es gibt keine besseren Gäste als Steampunks. Ist wirklich so! Punktlich da, höflich, interessiert, fröhlich, ordentlich und pünktlich wieder weg. So lobe ich mir das!

Und im Abspann meinen besonderen Dank an die Aussteller:

Rock Your Belly und Ashera Latifa mit den tollen Klamotten, Schmuck und excellenter Tanzvorführung

Oliver Plaschka
las aus seinem Steampunkroman “Der Kristallpalast”
Herr Tubulus erhellte die Gäste mit Licht und Ton
Horatius Steam stellte wundersame Technik aus
Andreas Dahn mit seinem Filmprojekt “Der Sandmann”
Titus Timeless mit nicht nur dem inzwischen regelrecht berühmten PSL-1000

Und natürlich der spitzenmäßigen Servicecrew des Café Nelson!

6 Kommentare zu Die “Zeitschneise” – Ein Bericht von Miss C. Tickerlein

  • Vremja

    Hab einiges auf SWR 3 gehört, schöne Sache!
    Die Idee auf einem Dampfschiff zu spielen gefällt mir auch sehr, fällt mir spontan der Bodensee und Thun (CH) ein.

  • Horatius Steam

    Raddampfer:

    Lauenburg Kaiser Wilhelm. Wenn die Besatzung ausnahmsweise mal fährt und sich nicht darüber streitet, wer mit wem und wer nicht ;-)

    Hochachtungsvoll,

    Horatius Steam

  • Miss C. Tickerlein

    Ja, die Raddampfergeschichte… Momentan scheitert es da leider noch an der finaziellen Seite. Immerhin möchten wir das Schifflein ja für 3 Tage und mind. 2 Übernachtungen, aber nur für ca. 40 Personen. Der schnöde Mammon hemmt die Kreativität.

  • Vremja

    Mit Musikkapelle an Bord und anschliessendem Sprung in Retro-Badeanzügen ins sommerliche Seechen.

  • Vremja

    Wenn es jetzt schon so teuer wird ist das mit der Kesselexplosion und von einem anderen Dampfer gerettet werden wahrscheinlich utopisch.

  • Nun streitet Euch nicht jetzt schon über zukünftiges … freut Euch lieber, daß alles so prima gelaufen ist. Das macht doch große Hoffnungen, daß das noch zu toppen ist. Meine Dank jedenfalls an alle Mitwirkenden, Organisatoren und die Medienvertreter, die sich mit ungewohnter Materie beschäftigen mußten. Wenn es gelingt nur ein Mal pro Jahr so eine (erfolgreiche) Veranstaltung zu organisieren, dann ist der Steampunk in Deutschland auf einem guten Weg !

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