Steampunk in Deutschland - Wohin gehst du?

Mit Steampunk ist es wie mit EuroBonds: Alle reden davon, aber keiner weiß, was es ist.

Mit diesen Worten leitet Oliver Hoffmann seinen Rant “Love the Machine, hate the Factory oder: Das Kreuz mit dem Steampunk” ein, in dem er die aktuelle Situation des literarischen Steampunks in Deutschland sehr treffend beschreibt.
Die großen Verlage, die verzweifelt das “next big thing” suchen und dabei ohne Kompetenz Buzz Words auf jedes Buch kleben, in der Hoffnung beim Start der Steampunk-Welle in Deutschland ein eigenes Programm am Start zu haben, prägen das Bild der deutschen Steampunk-Veröffentlichungen.
Aber Verlage kämpfen nicht nur mit mangelnder Fachkompetenz im fantastischen Genre, auch die neuen Medien(1) machen ihn schwer zu schaffen. Sei es im Bereich von eBooks, aber auch im Umgang mit diesen Online-Medien allgemein. Preseverteiler oder Rezensionsexemplare sind zu 95% den Printmedien vorbehalten. Da landen sie zwar meist in der Tonne, aber das hat man ja schon immer so gemacht und das kennt auch der Chef der Marketing-Abteilung. Wenn denn dann doch mal eine Rezension erscheint, kann man sie ihm nämlich faxen.

Aber geben wir die Hoffnung nicht auf. Vor zwei Jahren wollte kein großer Verlag etwas von Steampunk auf der Buchmesse wissen. Mittlerweile stochern sie im Nebel umher und suchen in der Kristallkugel nach dem Lichtschimmer am Horizont. Dass es sich dabei aber um “the next big thing” handeln wird, bezweifle ich stark. Dazu ist die Vermischung der unterschiedlichen Gebiete Literatur, Make/DIY, Subkultur zu verwoben und für Marketing-Menschen nicht zu begreifen. Steampunk wird einen festen Platz in der fantastischen Literatur bekommen, aber nicht die Kapuzen-Fantasy und Pubertär-Vampire ersetzen.

Olivers Rückblick auf den Buchmesse Convent “Viel Licht, kaum Schatten” ist ebenfalls lesenswert und blickt kritisch auf die “Szene”.

Update: Bei PhantaNews macht man sich auch Gedanken: Steampunk und die Verlage – Ahnungslose mit Schubladen

(1) Diesen Begriff gibt es nur kursiv, da nach 15 Jahren kommerziellen Netzangeboten, können wirklich nur komplette Ignoranten den Begriff “neu” benutzen.

11 Kommentare zu Steampunk in Deutschland – Wohin gehst du?

  • Heinrich

    Sehr schön! Bitte in Stein meisseln, für den Erhalt.

  • Jetzt muss ich doch mal ein paar kritische Anmerkungen machen, nicht um irgendwelche Verlage zu schützen, sondern weil meiner Ansicht nach hier teilweise genau so im Nebel gestochert wird (sorry), wie es als Unterstellung ankommt.

    “Aber Verlage kämpfen nicht nur mit mangelnder Fachkompetenz im fantastischen Genre…”
    Welche? Das meine ich ganz ernst und ehrlich. Welche Verlage? Weisst du wer bei Piper, Lyx, Heyne usw. das Fantasy Programm macht? Es scheint mir manchmal, dass in der Sicht mancher Betrachter diese Leute reine Bürohengste und BWLer wären. Wenn man dann aber mal jemanden aus “den Verlagen” kennenlernt oder mit Autoren über ihre Verlagsansprechpartner redet, stellt sich oft heraus das dort ebenfalls absolute Nerds am Werk sind, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben (und somit natürlich am Markt orientiert produzieren müssen).

    “Preseverteiler oder Rezensionsexemplare sind zu 95% den Printmedien vorbehalten.” Im Fantasy Bereich definitiv nein. Welche Printmedien berichten denn über Fantasy Veröffentlichungen (ausser wenn Funke, Meyer, Moers oder Rowling draufsteht) ausser den wenigen einschlägigen Magazinen a la Nautilus?
    Schau dir mal an wohin die ganzen Lyx Rezensionsexemplare gehen, oder die von Heyne und Piper. Da hast du eine ganz lange Liste von Onlinemedien bevor überhaupt ein Printmedium Interesse an deren Romanen hätte.

    Zum eigentlichen Thema Steampunk: Natürlich nicht “the next big thing”, ganz im Gegenteil. Aber hat man wirklich was anderes erwartet?
    Ich mag Nischen :)

    Mit besten Grüssen

  • Ich behaupte jetzt mal, dass Oliver eine recht gute Einsicht in die Verlangslandschaft aus erster Hand hat und ich kenne das Genre auch seit einigen Jahrzehnten :-)
    Hier sind schon einige Verlag auch kritisch beurteilt worden, aber jetzt eine böse Buben Liste aufzusetzen fände ich nicht sonderlich zielführend. Was hat man davon zu wissen wer schuld ist? Dadurch löst sich das Problem auch nicht. Schau dir an auf welche Produkte gerade von den Verlangen das Label “Steampunk” drauf geklebt wird. Davon sind ca. 90% kein Steampunk, sondern es handelt sich meist um schon lange eingekaufte viktorianische Fantastik. In der Diskussion hat man das auch deutlich gemerkt: “Steampunk ist Kinder und Jugendliteratur” “Kein Verlag widmet sich wirklich dem Thema” beide Aussagen sind dort mehrfach gefallen und sind einfach falsch.

    Wer dort sitzt, kann ich nicht sagen, da die Damen und Herren meistens nicht auf Zuschriften antworten. Das mag bei Fantasy besser sein, da kann ich das nicht einschätzen.

    Mir ist eine gut betreute Nische auch lieber als der x-te Kapuzen-Fantasy-Roman, da sind wir uns total einig :)

  • Och, ich mag ja Kapuzen Fantasy und den Oliver auch :)
    Mir geht es nicht um Schuld, wobei die auf den ersten Blick relativ leicht festzustellen wäre – Die Leser. Denn mal ganz ehrlich, Steampunk (oder das was als solcher aktuell bezeichnet wird) verkauft sich in Deutschland nicht. Mit irgendeinem Fantasy Roman wäre Piper deutlich besser gefahren als zuletzt mit Affinity Bridge, dafür ist das Publikum zu klein.

    Ganz spannend finde ich ja, als deutlich stärkerer Fantasy Nerd, deine Unterscheidung zwischen vik. Fantastik und Steampunk. Im “Was ist Steampunk?” Podcast (Mehr von Leo! *Fangejohle*) schien mir die Genredefinition doch eher offen geblieben zu sein. Wo würdest du denn die Grenze zwischen Viktorianischer Fantastik und Steampunk ziehen?

    P.S. Ihr macht ne super Seite hier, die ich stets gerne besuche! Nicht das ein falscher Eindruck entsteht ;)

  • Das ist diese Sache mit der Henne und dem Ei. Wenn ich ein neues Genre einführen will, muss ich es mit Marketing bekannt machen. Den Begriff nutzen und unter die Leser bringen. Keiner der großen Publikumsverlage macht das. Der Begriff wird im eigenen Programm gemieden und nur bei allgemeinen Diskussionen genannt a la “Da haben wir auch was”. Im Falle von Affinity Bridge wundert es mich also nicht weiter. Ein Titel ohne Werbung im Massenmarkt der fantastischen Literatur. Würde ich genau so wenig kaufen, wie viele andere Titel, die ich nicht kenne. (Wobei Affinity Bridge es meiner Meinung nach absolut verdient hätte).
    Man macht also nichts und bekommt genau das als Ergebnis: Nichts. Im Prinzip wie Fantasy in den 80er und 90er Jahren. Wäre da nicht der HdR Film gekommen, sähe die Fantasyszene wahrscheinlich auch immer noch so aus.

    Die Genre Definition ist auch bewusst offen gewählt worden, da sich das Genre durch seine Unschärfe auch definiert und sich gerade erst ausbildet.

    Das Fangejohle werde ich morgen an Leo weiterreichen und sie mehr zum Reden zwingen ;-)

  • @Feenfeuer

    Ich denke nicht, dass “die Leser” schuld sind und ich mag keine Kapuzen-Fantasy (mir geht sogar ein großer Teil der hierzulande seit einiger Zeit verlegten “Fantasy” mächtig auf den Zeiger…). ;o)

    Wenn in den Verlagen in den entsprechenden Redaktionen tatsächlich “Nerds” sitzen, dann machen die entweder schlechte Arbeit, oder sie können keine gute Arbeit tun, weil ihnen diese tatsächlich vom Marketing vorgeschrieben wird. Beides schlecht.

    Die unsägliche, völlig überholte Buchpreisbindung wird immer wieder seitens der Branche auch damit verteidigt, dass sie nötig ist, um auch Bücher heraus bringen zu können, die sich nicht gut verkaufen. Warum produzieren die dann fast ausschließlich für den Massenmarkt? Wo bleiben die mutigen Experimente mit neuen Genres oder Werken die sich tatsächlich nicht “so gut” verkaufen werden? Meiner Ansicht nach ist diese Begründung für die Buchpreisbindung eine reine Farce, wenn damit nur abgehobene angebliche “Hochliteratur” produziert wird, die kein Schwein kauft, statt mal Bücher für den Massenmarkt zu produzieren, das sich dann halt mal weniger absetzt als ein Heitz, ein Schmusevampir oder eine Kapuze.

    Es gibt Steampunk, es gibt Gaslight Fantasy, es gibt “viktorianische Fantasy” und von mir aus auch “viktorianische Urbane Fantasy” – und es ist auch gut, dass es das alles gibt. Den Kunden das alles als Steampunk verkaufen zu wollen ist aber der falsche Weg – denn es ist meiner Meinung nach Kundenverarsche, weil Steampunk drauf steht aber tatsächlich nicht drin ist. MEs mag vielleicht schwierig sein zu definieren, was Steampunk ist, es ist aber gerade in Sachen Büchern recht deutlich zu definieren, was Steampunk NICHT ist (Grenzfälle wird es natürlich geben).

    Nochmal zum Leser zurück: sicher mag es sein, dass sich die Programme am Markt orientieren und “dem Leser” geben, was er will. Das ist aber meiner Meinung nach ein Zirkelschluss – gäbe es andere interessante Dinge zu lesen, dann würden die auch gekauft. Und dass es andere interessante Dinge gibt, sieht man deutlich am US-Markt, der von Phantastik nur so überquillt. Auf den deutschen Markt schafft es aber nur, was an den Türstehern der deutschen Publikumsverlage durchkommt – und die erkennen Qualität und Trends allzu oft nur, wenn sie ihnen feste ins Gesicht schlagen.

    No offense meant… :)

    Stefan

  • Nikolaus von Krähenfeld

    Das Problem beginnt eigentlich schon viel früher.

    Ich persönlich halte es schon für gewagt bei Steampunk überhaupt von einem Genre zu sprechen. Letztendlich sind es doch nur Elemente – die allgegenwärtige Dampfkraft, den Uhrwerk-Computer u.ä. – die in eine Geschichte eingebracht werden.

    Mutant Chronicles zum Beispiel spielt in der Zukunft (28. Jhrd.), ist also eigentlich Science-Fiction. Allerdings beschränkt auf die Technologie zu Zeiten des I. Weltkriegs – deswegen sind dort sehr viele Steampunk-Elemente vorhanden. Ist es nun Science-Fiction oder Steampunk?
    Spielt die Geschichte in einem 16. Jrhd. mit Dampfkraft und entsprechenden Uhrwerk-Computern (müsste ich jetzt nochmal nachschauen wie das Buch hies) – ist es dann Steampunk oder eher Fantasy/History?

    Ich spüre im obigen Artikel das dringende Verlangen nach einer Schublade an die sich dann auch “die” Verlage zu halten haben. Und auch eine Verachtung für andere “Genres” – “Kapuzen-Fantasy und Pubertär-Vampire” klingt wenig unvoreingenommen für jemanden der sich aufregt, wenn jemand Steampunk für Kinder- und Jugendliteratur hält.

    Noch ein Zitat aus berufenem Munde: “Die gleichnamige literarische Gattung, die oft dystopische, zumeist im viktorianischen Zeitalter angesiedelte, kontrafaktische Geschichte erzählt, ist eine Facette dieser Welt-Sicht.”(Oliver Hoffmann)

    Ich wurde die Betonung auf “eine Facette” legen.

  • Ihr Gespür in allen Ehren, aber “da sich das Genre durch seine Unschärfe auch definiert” lässt eigentlich jede der Schubladen offen stehen. Insbesondere die Verachtung anderer Genres durch mich hat mich doch sehr amüsiert.

  • Ich bin beruflich bedingt recht nah an einem der “Big Player” im Büchergeschäft.
    Namen nenne ich nicht um mir nicht damit selbst in das Knie zu schiessen.
    Aber eines können Sie mir glauben, die haben hier noch nicht mal eine Ahnung das es Steampunk gibt und was das ist. Hier werden Fantasy-Romane vertrieben die in Wahrheit in die Schublade (sofern man eine will) “Steampunk” passen und das aus reinem Zufall.

  • @PhantaNews:
    “…gäbe es andere interessante Dinge zu lesen, dann würden die auch gekauft.”
    Na, aber die gibt es doch schon und da liegt es eben wieder am Leser, sie zu entdecken. Siehe z.B. Steampunk Chroniken ;) Wer seine Bücher nur von Heyne und Piper bezieht bekommt halt oft entsprechend massenkompatible Sachen. Wobei Massenkompatibel nicht negativ sei muss. Aber man kann seinen Blick auch schweifen lassen und über den “Big Player” Tellerrand hinausblicken. Da haben wir in Deutschland auch eine kleine, aber feine Landschaft von Klein- und Kleinstverlagen, engagierten Herausgebern und unkommerziellen Projekten, die sich Nischenthemen und gewagteren Inhalten widmen. Von Bizarro Fiction bis ebend Steampunk. Ganz zu schweigen von den vielen Ebooks, die überall im Netz von ihren Autoren angeboten werden. In den USA ist das logischerweise viel grösser.

  • @Feenfeuer: Du hast absolut recht, es gibt zahlreiche Klein- und Kleinstverlage, die großartiges Zeug heraus bringen. Es behauptet aber auch niemand das Gegenteil. Die Kritik richtet sich nach meinem Verständnis konkret und (fast) ausschließlich gegen die “Publikumsverlage”.

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