Im Salongespräch - Bernd Perplies

Für das heutige Gespräch dürfen wir Bernd Perplies auf das Sofa im Rauchersalon bitten. Ganz aktuell ist von ihm Band 2 der Serie Magierdämmerung im LYX-Verlag mit dem Titel “Gegen die Zeit” erschienen. Seine Liebe zum Film ist auch seinen Büchern deutlich anzumerken und die Abenteuer des Jonathan Kentham entfalten sich wie ein guter alter Hollywood-Film vor den Augen des Lesers.

Natürlich stellt sich Bernd auch den hochphilosophischen Salonfragen im Anschluss an das Gespräch.

In der Reihe Magierdämmerung sind bisher erschienen:

Als erstes interessiert uns natürlich, was bedeutet Steampunk für dich?

Um ehrlich zu sein, ist „Steampunk“ für mich schwer zu greifen. Mir schwebt eine Welt vor, die deutliche Züge des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat, aber zugleich fantastische Technologien aufweist, die jedoch nicht nur auf einzelne Eingeweihte beschränkt sind, sondern das ganze alltägliche Leben durchdrungen haben. Der Film „Der goldene Kompass“ war für mich in Design und Gesellschaftsform schon recht nah dran. Was Literatur der letzten zwei, drei Jahre angeht, suche ich nach wie vor nach dem prototypischen Steampunk-Roman. Vielleicht ist es Scott Westerfields „Leviathan“.

Hattest du bei deinem Roman die Absicht einen Steampunk-Roman zu schreiben? Wenn nein, wie kamst du auf die Idee diesen ungewöhnlichen Hintergrund für deine Erzählung zu wählen?

Nein, eigentlich hatte ich nicht explizit vor, einen Steampunk-Roman zu schreiben – und ich würde die „Magierdämmerung“ auch nicht als typischen Steampunk bezeichnen; vielleicht als Zwitter aus Gaslight Fantasy und Steampunk. Ausgangspunkt für dieses Setting war zunächst einmal mein Wunsch, nach meiner Fantasy-Trilogie „Tarean“ das Subgenre der Phantastik zu wechseln, denn ich mag es nicht, mich in bestimmten Bahnen festzuschreiben. Ich liebe die Abwechslung. Für das viktorianische Zeitalter als Rahmen entschied ich mich dabei recht schnell, denn ich bin ein großer Fan der Geschichten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, von „Krieg der Welten“ über „Sherlock Holmes“ bis „20.000 Meilen unter dem Meer“. Darüber hinaus wollte ich unbedingt mal mit diesen literarischen Stoffen spielen, etwa in der Art, wie es auch Alan Moore in „The League of Extraordinary Gentlemen“ gemacht hat.

Die Referenz zu Jules Verne findet sich direkt zu Beginn deines Romans. Welche Bedeutung haben die Erzählungen von Verne für dich?

Ich würde mich nicht als Verne-Kenner bezeichnen, aber ich habe in meiner Jugend einige seiner Werke verschlungen. „20.000 Meilen unter dem Meer“ habe ich sogar mehrfach gelesen, und die Disney-Verfilmung aus dem Jahr 1954 zählte eine Weile zu meinen Lieblingsfilmen. Aber natürlich finden sich noch zahlreiche andere Referenzen an die Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts, etwa an H. G. Wells und Arthur Conan Doyle, ich habe ein wenig Charles Dickens versteckt und ein bisschen Bram Stoker.

Die bisher in Deutschland veröffentlichten Steampunk-Romane fallen fast alle eher unter den Begriff der Steam-Fantasy. Auch in deinem Roman spielt Magie eine wesentliche Rolle, während die Bestseller in den USA sich enger an den Science-Fiction-Ursprung des Steampunk halten. Ist ein „technischer“ Steampunk-Roman in Deutschland nicht möglich, da lieber Urban Fantasy gelesen wird?

Ich denke, das Problem liegt im grundlegenden Missverhältnis von Fantasy und Science-Fiction in der deutschen Belletristik. Während die Fantasy im Zuge der Blockbuster-Kinofilme „Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“, „Narnia“, „Twilight“ auf dem Buchmarkt einen Riesenschub erlebte, führt die Science-Fiction doch – jenseits von Frank Schätzing und Andreas Eschbach, die sich übrigens beide als Wissenschaftsthrillerautoren verkaufen lassen – ein Schattendasein. Entsprechend kommen fast alle Autoren, die gegenwärtig in Deutschland Steampunk-Romane (wenn wir sie mal wissentlich nicht ganz korrekt so nennen wollen) schreiben, aus der Fantasy-Ecke – Oliver Plaschka, Ju Honisch, meine Wenigkeit. Diese Fantasy-Autoren scheinen sich nun eher für den unheimlich-mystischen Aspekt eines alternativen (Pulp) viktorianischen Zeitalters zu interessieren, als für den technischen. Aber ich glaube auch, dass es noch zu früh ist, so eine Aussage generell zu treffen. Es gibt meines Erachtens noch viel zu wenig Steampunk- (oder Steampunk-artige) Romane auf dem Markt, um zu sagen, dass Technik in dieser Sparte weniger Interesse erzeugen könnte als Magie.

Aus dem literarischen Genre hat sich eine Steampunk-Subkultur gebildet, die eine ganz eigene Dynamik entwickelt hat. Was hältst du von Ihrer Idee, mehr Wert auf Höflichkeit zu legen und wieder mehr „do-it-yourself“ ins Leben zu bringen?

Ich muss gestehen, dass ich von der Steampunk-Subkultur wenig Ahnung habe, daher kann ich auf diese Frage nur sehr allgemein antworten. Höflichkeit ist für mich eine Grundtugend – je selbstverständlicher sie im Wesen eines Menschen verankert ist, desto besser. Wenn wir uns aber die Etikette zu viktorianischen Zeiten (die dem Steampunk ja irgendwie zugrunde liegen) genau anschauen, finden wir da auch viel Ausgrenzung, Standesdünkel, übertriebenes Ehrgefühl und Doppelmoral. Nicht grundlos neigen Steampunk-Romane dazu, weniger die feinen Gesellschaftsformen zu feiern, als auf die sozialen Missstände hinzuweisen, die damals herrschten. „Zurück in die Vergangenheit“ ist daher für mich keine Lösung, denn die war selten wirklich besser als die Gegenwart. Aber ich nehme auch nicht an, dass diese Art von Rückwärtsgewandtheit im Sinne der Steampunk-Fans ist. Was „do-it-yourself“ angeht, kann ich nur sagen: Ich bewundere Menschen, die geschickt schneidern, schreinern oder welchem Handwerk auch immer nachgehen können. Ich selbst bin diesbezüglich eher eine Niete und daher auf „let-it-do-others“ angewiesen.

Glaubst du Steampunk wird sich einen festen Platz in den Buchregalen erobern und mehr als nur eine Modewelle sein?

Das hängt in meinen Augen davon ab, was die Verlage darüber denken. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass nicht nur die Nachfrage das Angebot erzeugt, sondern auch das Angebot die Nachfrage. Solange romantische Vampire und epische Fantasy den Großteil des Verlagsprogramms der Publikumsverlage ausmachen, wird Steampunk – wie übrigens seit dreißig Jahren schon – nie mehr als eine Nische für sich erobern, einfach weil die Leser (und auch die Buchhändler) gar nicht wissen, was das ist und wie sie das einordnen sollen. Erschwerend kommt hinzu, dass Steampunk im Grunde ein Special-Interest-Subgenre ist, denn er bietet zu wenig Fantasy, um Mädchen, die Drachen, Elfen und Vampire lieben, zu überzeugen, und zu wenig Science-Fiction, um Jungs, die auf Roboter, Raumschiffe und Aliens stehen, zu fesseln. Er sitzt ein wenig zwischen den Stühlen. Und zu guter Letzt ist Steampunk in seiner Reinform ja irgendwie eine intellektuelle Spielwiese, die mit Referenzen arbeitet, mit Satire, mit Pulp und die historisches Wissen voraussetzt. Das setzt eine gewisse Bereitschaft zur Mitarbeit des Lesers voraus, die, wie mir scheint, von den meisten Vampirromanzen und Elfenfantasien nicht gefordert wird. Daher wird es ihm immer schwer fallen, deren Massentauglichkeit zu erreichen.

Wirst du nach Beendigung deiner Trilogie wieder zu dem Genre zurückkehren? Was sind deine nächsten Pläne?

Ich hätte nichts dagegen. Mir würde noch einiges zum viktorianischen Zeitalter einfallen, gerne auch stärker technikorientiert. Aktuell gibt es diesbezüglich aber noch keine Pläne, da ich mit der „Magierdämmerung“ noch bis Frühsommer nächsten Jahres beschäftigt bin. Ich habe diverse Projekte in Planung, aber wir haben noch nicht festgeklopft, was genau als nächstes umgesetzt wird. Es könnte wieder was in Richtung klassischer Fantasy sein, es könnte in der Jetztzeit angesiedelte Urban Fantasy sein oder eine Geschichte in einer postapokalyptischen Zukunft.

Die Salonfragen:

Was ist für verkörpert für dich die Essenz des Gentleman?

Höflichkeit im Umgang, Selbstlosigkeit im Wesen und Eleganz im Auftreten.

Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?

Ein Ort, an dem die Zeit so schnell oder so langsam verrinnt, wie man es gerade gerne hätte, sodass jeder Mensch die Zeit hat, die er braucht, um all das zu tun, was er gerne möchte, ohne dabei andere zu verletzten, weil er ihre Zeitpläne nicht mit den seinen in Übereinstimmung bringen konnte.

Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?

Von marodierenden Dämonenhorden und Lavalandschaften einmal abgesehen – ein Ort, an dem die Menschen verlernt haben, zu leben; an dem sich alles nur noch ums Funktionieren, um Leistung, um das Optimieren von Körper und Geist dreht; an dem die Gabe, sich über die kleinen Dinge zu freuen und über die kleinen Wunder zu staunen, vollständig verloren gegangen ist.

Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel benennen, lebend oder tot?

Doktor Leonard McCoy vom Raumschiff Enterprise. Ich kenne kaum einen Menschen, der ungeachtet seiner gelegentlichen Brummigkeit so mitfühlend, so höflich und so selbstlos ist wie er.

Und sein weibliches Gegenstück.

Prinzessin Leia Organa von Alderaan. Sieht man davon ab, dass sie gelegentlich etwas rebellische Attitüden an den Tag legt, kann an ihrem gepflegten Äußeren, ihren tadellosen Umgangsformen und ihrem aufrechten Charakter kein Zweifel bestehen.

„Mein Königreich für ein Pferd!“, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?

Der Woche, die mir zumeist fehlt, wenn die Abgabe meines jeweils aktuellen Romans ansteht.

Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?

„Niemals“ ist so ein starkes Wort. Ich würde alles anziehen, wenn es die Umstände unabdingbar machen würden. Allerdings müsste bei giftgrünen Leggins oder einem rosafarbenen Tütü schon sehr viel auf dem Spiel stehen …

Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in verruchte Form die Kultiviertheit erweitern?

Diese Frage ist so perfide überkreuz gestellt, dass ich sie aus Gründen der Vorsicht lieber nicht beantworte, um nicht plötzlich als ein Art von Mensch dazustehen, die ich gar nicht sein wollte.

Welche drei Stücke aus deinem Kleiderschrank würdest du vor einer Motteninvasion retten?

Keins. He, ich bin ein Mann. Wenn die eine Hose kaputt geht, kaufe ich mir eben eine andere. ;-) Wobei ich ein sehr gepflegtes „H. P. Lovecraft“-Motiv-T-Shirt besitze, dass ich ungern den Motten überlassen würde.

Die größte technische Segnung?

Akut: zweifellos der Computer & das Internet. Ich kann ohne Auto leben und ohne Fernseher, ohne Radio und ohne die Maschinen, die dieses giftgrüne Eis, das wie Kaubonbon schmeckt, erzeugen – aber ich wüsste nicht, wie ich in der Art, die mir heute möglich ist, meinen Traum vom Schreiben leben könnte, wenn es keine Computer und kein Internet gäbe. Es wäre zweifellos möglich, schließlich gab es auch früher Belletristik (da wären wir wieder bei Jules Verne). Aber es wäre deutlich schwieriger.

Welche Erfindung fehlt der Welt?

Ich glaube, das schreiben die Leute alle hier, aber auch ich wünschte mir, es gäbe etwas wie einen voll funktionsfähigen Teleporter. Im Grunde reise ich gar nicht so ungern. Ich liebe lange Zugfahrten, wenn sie in den Urlaub oder in ein schönes Wochenende führen. Aber tagtäglich wäre es mir schon lieber, die Strecke zur Arbeit oder zu Freunden in einem zeitlosen Sprung meistern zu können.

Und welche hätte es besser nie gegeben?

Oh, derer gibt es leider viel zu viele, um sie hier aufzuzählen. Der Mensch ist ein wahres Wunder an perverser Erfindungskunst. Man möge nur einmal ein Foltermuseum besuchen oder über das, was in den Waffenlagern aller Länder gebunkert ist, nachdenken. Man möge die Inhaltsstoffe mancher Lebensmittel und die Werkstoffe mancher Kinderspielzeuge anschauen. Es gibt vieles, was es besser nicht gäbe – oder was der gesunde Menschenverstand (unter Überwindung der eigenen Macht- und Profitgier) sich wie von selbst verbieten sollte einzusetzen.

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