Im Salongespräch: Steampunk Decadence

Heute im Salongespräch: Miss Tickerlein unterhält sich mit Madame Mécanique und Alignor Aetherium über deren genregerechte Schneiderei Steampunk Decadence.


Miss Tickerlein: Was hat Euch an dem Genre Steampunk interessiert, dass Ihr Euch ausgerechnet an diese ganz besondere Mode heran wagt?

Alignor Aetherium: Mich reizt ganz besonders die Möglichkeit, Altes mit Neuem zu kombinieren. Steampunk nicht nur für Con’s oder sonstige Events, sondern die Mode auch im Alltag tragen zu können.

Madame Mécanique: Die Umsetzung und Verbindung historischer Schnitte mit industriellen, fantastischen und auch futuristischen Accessoires hat mich sehr fasziniert, da sie die an sich schon wundervolle viktorianische Mode noch ein wenig aufpeppen und fantasievoller erscheinen lassen. Ich liebe das Zusammenspiel von antik erscheinenden Stoffen, (Kunst-)leder und Metallen. Auch mische ich gerne verspielte Akzente mit steamiger Eleganz. Traditionelle viktorianische Mode ist wunderschön, aber da ich ein fantasievoller und abenteuerlustiger Mensch bin, hat mich Steampunk sofort angezogen. Das Zusammenspiel von Geschichte und Fantasy macht für mich den Reiz aus.

Ms.T. :Gibt es besondere Herausforderungen im Gegensatz zu anderen Mode- oder Kostümrichtungen? Ihr habt da ja anscheinend schon Erfahrungen.

Mdme M.: Authentische historische Schnitte sind meist aufwendiger als moderne. Die Erfahrung habe ich erst vor Kurzem bei einem Korsett gemacht, bei dem der Schnitt von 1910 weitaus schwieriger umzusetzen war, als zum Beispiel ein modernes Taillenkorsett. Außerdem ist es nicht immer leicht an Uhrwerk heranzukommen. (lacht)

A. A.: Die eigentliche Herausforderung ist es, die Fantasie laufen zu lassen.
Bei historischen Projekten habe ich Grenzen in denen ich mich bewegen muss.
Bei Steampunk ist meine eigene Kreativität die Grenze.


Ms. T. : Wie habt Ihr das Genre Steampunk für Euch entdeckt? Und was bedeutet Steampunk für Euch überhaupt?


A. A. :
Ich wurde von Freunden in den USA auf Steampunk aufmerksam gemacht.

Mdme M. : Ich hatte schon immer ein großes Interesse an Geschichte, habe viele historische Romane und Klassiker gelesen, weshalb ich auch unter Anderem ein Faible für das viktorianische Zeitalter entwickelte. Mich fasziniert diese Epoche, da die Gesellschaft eine ganz andere als die heutige I-Phone/I-Pod/I-Pad-Gesellschaft war, man Wert auf andere Dinge legte und auch die Kleidung in bestimmten Kreisen sehr viel aufwendiger anmutete.

Hinzu kam, dass ich durch die Musik von Emilie Autumn auch meine Freude an Teeparties und viktorianischen Picknicks entdeckte. Diese gehören für mich definitiv zur Steampunk-Ästhetik.

Ferner ist Kreativität ein sehr wichtiger Aspekt für mich, sei es in Form von Fotografie, Schneiderei, Schmuckherstellung, Musizieren, Singen oder Texten. Sie gibt mir die Möglichkeit meine Fantasie und Vorstellungen auszudrücken, wobei viele teils romantisierte historische Ideen mit einfließen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Anhänger des Steampunks in irgendeiner Art und Weise kreativ tätig sind.

Ms. T.: Steampunk wird (häufig) mit der viktorianischen Gesellschaft in Verbindung gebracht. Gäbe es Grundgedanken oder Verhaltensformen, die Ihr gerne in der heutigen Zeit (wieder-)sehen würdet?

Mdme M.: Mir gefällt die Höflichkeit, mit der man sich zu dieser Zeit begegnete. Heutzutage vermisse ich manchmal gewisse Floskeln und das ansprechende Ausdrucksvermögen. Natürlich ist es sehr angenehm, sich locker mit seinen Freunden zu unterhalten, aber ich empfinde es auch als schön, wenn man sich gewählt auszudrücken vermag.

A. A. :
Wenn es etwas gibt, das ich gerne wieder sehen würde, dann ist es die Ästhetik in den alltäglichen Dingen. Stil, Anmut und Funktionalität gepaart im Design ist größtenteils verlorengegangen. Die Uniformität der Dinge, sei es Kleidung oder Gebrauchsgegenstände, empfinde ich als sehr langweilig.

Ms. T. : Wo oder von wem lässt Ihr Euch modisch besonders gerne inspirieren?

A. A. : Mein persönlicher Stil entwickelt sich meist sehr unbewusst. Oft arbeite ich an einem Kostüm, gleich welchen Zeitraums, und habe eine Idee, wie es für die heutige Zeit tragbar zu machen ist. Oder ich sehe irgendein Bild, Film, Video und die Eindrücke verarbeite ich in der Kleidung.

Mdme M. : Vivienne Westwood ist eine wundervolle Designerin, besonders gerne mochte ich ihre Werke zum Thema Rokoko Exzentrik und moderne Marie Antoinette. Auch die Fotos aus verschiedenen Modemuseen inspirieren sehr, da sie authentische Schnitte darstellen.
Flohmärkte sind auch eine sehr schöne Inspirationsquelle, besonders für Steampunk.

Ms. T. : Warum gibt es bei Steampunk Decadence bisher nur Frauenmode? Können die Herren noch auf Produkte für sich hoffen?

Mdme M. : Selbstverständlich wird es auch für den Herrn bald entsprechende Produkte geben, wobei wir natürlich auch gerne Wünsche und individuelle Vorstellungen berücksichtigen.

A. A.: Absolut ja.Wir arbeiten auch heute schon an Herrenbekleidung, die nach Kundenwünschen gefertigt wird. Im Laufe der Zeit werden wir aber auch Herrenbekleidung anbieten, die direkt erworben werden kann.

Ms. T. : “Love the machine, hate the factory” ist ein Credo der Steampunk-Kultur. Nehmen wir das als Aufruf wieder mehr Wert auf das “Selber machen” zu legen ohne dabei auf den Baum zurück zu wollen. Könnt Ihr hierzu einen Bezug herstellen? Schlägt sich das auch in Eurem eigenen (Kauf-)Verhalten nieder?

A. A. : Das „Selber machen“ in Bezug auf Kleidung auf jeden Fall.
In anderen Dingen versuche ich darauf zu achten keine „Wegwerf-Produkte“ zu kaufen. Also z.B. Schuhe, die auch nochmals besohlt werden können.
Ich würde mir wünschen, dass der Handwerker oder die Tante Emma um die Ecke wieder mehr Bedeutung bekommt.

Mdme M. : Wie ich schon erwähnte, denke ich, dass gerade dieses kreative Schaffen eine wichtige Ausdrucksform ist. In unserer heutigen Gesellschaft steht Individualität im Mittelpunkt (auch wenn ich sagen muss, dass sie vollends nur in bestimmten Subkulturen gelebt wird), ganz anders war es im viktorianischen Zeitalter, wo man sich der Familie, dem Arbeitgeber und dem Staat unterzuordnen hatte.

Steampunk ist somit eine Neuentdeckung vergangener Ästhetik in Verbindung mit modernen Vorstellungen eines individuellen, freibestimmten Lebens. Diese Mischung empfinde ich als äußerst ansprechend, verbindet sie doch Schönes mit Angenehmen und lässt negative Aspekte, wie die Unterdrückung der Frauen oder den Gesellschaftsdruck außen vor. Ich trage gerne Korsett – ohne auf meine persönliche Freiheit zu verzichten.

Ferner beobachte ich, dass ich sehr viel weniger Kleidung und Schmuck kaufe, seitdem ich selbst schneidere. Ich würde auch jeden Tag in Bloomers zur Uni gehen, nur eine Tournüre ist etwas umständlich beim Sitzen auf den kleinen Bänken.

Ms. T. : Warum glaubt Ihr, dass Steampunk in Deutschland noch so wenig Beachtung findet? (Im Gegensatz zu USA/UK)

Mdme M. : Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht liegt es zum Teil daran, dass die industrielle Revolution in Großbritannien begann und dort viel präsenter ist, als in Deutschland. Und vielleicht überschatten die jüngeren geschichtlichen Ereignisse Deutschlands immer noch intensiver die Köpfe als das 19. Jahrhundert.

A. A. : Ich denke, dass die Beachtung wohl schon da ist, aber die meistens einfach noch keinen Begriff dafür haben. Bevor ich das erste Mal von Steampunk gehört habe, waren Sherlock Holmes, Kapitän Nemo, usw. nur Bücher oder Filme, die ich gerne gesehen und gelesen habe. Heute habe ich eine „Schublade“ dafür.

Je mehr Steampunk an die Öffentlichkeit getragen wird, desto mehr wird auch die Beachtung steigen. Ein gutes Beispiel ist doch das Entstehen der Mittelalterszene in Deutschland. Was als Hobby für Wenige angefangen hat, ist heute ein Tourismusfaktor für viele Regionen.

Spätestens in ein paar Jahren wird die Entdeckerzeit vorbei sein und die Kommerzialisierung beginnen.
Vielleicht sollten wir die Zeit bis Steampunk Mainstream ist einfach genießen.

Ms. T. : Meine Damen, ich danke Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch!

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