Im Salongespräch: Oliver Plaschka

Für das heutige Gespräch dürfen wir Oliver Plaschka auf dem Sofa im Rauchersalon begrüßen. Sein Roman Fairwater gewann 2008 den Deutschen Phantastik Preis für das bestes deutschsprachiges Romandebüt, mit den „Die Magier von Montparnasse“ (2010) näherte er sich langsam dem Genre Steampunk und der aktuelle Roman „Der Kristallpalast“ (2010) wird auch vom Verlag Feder & Schwert unter dem Etikette Steampunk veröffentlicht.

Der Kristallpalast wird unter dem Label Steampunk vom Verlag geführt. War euch auch schon am Anfang des Romans klar, dass ihr einen Steampunk-Roman schreiben wollt?

Damals war der Begriff tatsächlich noch nicht so in aller Munde. „Urban fantasy“ war das bekanntere Schlagwort; ich hatte ihn aber im Hinterkopf und er prägte auch meinen Stil.

Was bedeutet „Steampunk“ für dich? Wie würdest du jemanden den Begriff erklären?

Am einfachsten formuliert würde ich sagen, „wie Cyberpunk, bloß mit Dampfmaschinen“. Recht gelungen finde ich auch die Wikipedia-Definition (dystopische, kontrafaktische Geschichte). Ich würde Steampunk also eher als sehr spezielles Subgenre postmoderner Science Fiction ansehen, weniger der Fantasy. Im Nachwort des „Kristallpalasts“ gehe ich noch ein wenig genauer auf die Empfindungen ein, die ich mit solchen Geschichten verbinde: die Faszination invasiver Technologien, der Taumel der Sinne.

Wie und wann hast du das Gerne Steampunk für dich entdeckt?

Wie man meiner vorigen Antwort wahrscheinlich anmerkt, zähle ich mich da eher zur „alten Schule“: Cyberpunk begann für mich mit „Neuromancer“, Steampunk mit der „Difference Engine“, also Gibson, Sterling und noch mal Gibson. Auf beide gestoßen bin ich in meinem Auslandssemester an der University of Hull. Rowlie Wymer war damals Head of Department bei den Anglisten und gab ein Seminar zu Modern Science Fiction.

Man merkt dem Roman eine große Liebe zum historischen Detail an. Ist das ein persönliches Steckenpferd der Autoren oder habt ihr damit einen tieferen Zweck verfolgt?

Ich halte das einfach für notwendig und auch für selbstverständlich. Man kann eine Vergangenheit nicht einfach nur „behaupten“, besonders, wenn man sie dann gleich wieder mit Anachronismen spickt. Um mit Wirklichkeit und Fantasie zu spielen, muss man beide möglichst plastisch portraitieren. Ich traue mich daher nie ohne gründliche Recherche an „echte“ Szenarien. Und dann war das London 1851 und das Umfeld der Weltausstellung auch so faszinierend, dass es Verschwendung gewesen wäre, ihm keinen prominenten Raum zu geben. Ich habe mal einen Roman gelesen, in dem ein Besuch im Kristallpalast nur einen Abschnitt lang erwähnt wurde; das ist, als würde man eine Reise nach Pompeji mit „und dann haben wir uns eine alte, zerstörte Stadt angesehen“ beschreiben.

Gerade bei der Komplexität des Romans stelle ich es mir schwer vor, drei Autoren unter einen Hut zu bekommen. Welche Probleme hattet ihr dabei wie habt ihr das organisatorisch gelöst?

Tatsächlich war es eher so, dass unsere Zusammenarbeit den modus operandi bestimmt hat und der Roman vielleicht erst damit so komplex wurde. Wir entschieden uns für drei Ich-Perspektiven, damit stilistische Unterschiede sich nicht negativ, sondern eher produktiv auswirken würden. Es gibt drei Handlungsstränge, die sich nur an fixen Plotpoints berühren, damit wir relativ unabhängig voneinander arbeiten konnten. Und es gibt bestimmte Muster und Symmetrien im Roman, damit keiner der Charaktere „besser“ wegkommt als die anderen. So gesehen gibt es auch keine eindeutigen Trennung zwischen Protagonisten und Antagonisten.

Aus dem rein literarischen Genre Steampunk ist in den letzten Jahren eine Subkultur geworden, die deutlich mehr Facetten als nur die Literatur hat. Beim Cyberpunk haben sich viele diese Entwicklung gewünscht, die aber nie eingetreten ist. Warum glaubt du hat Steampunk es geschafft?

Eine interessante Frage. Sicherlich auch, weil Steampunk leichter darstellbar ist (ich denke hier vor allem an die Liverollenspielszene). Möglicherweise wirkt die viktorianische Ästhetik heute auch zeitloser, und insbesondere für das weibliche Publikum auch attraktiver, als die stark auf die Achtziger und Neunziger zentrierte Ästhetik des Cyberpunk. In der breiteren Auffächerung liegt vielleicht aber auch die Gefahr einer Verflachung; Steampunk ist für mich mehr als das reine „Aufpeppen“ historischer Fundstücke, also nicht nur Messing, Rost und Samt. Mein Blickwinkel mag hier aber stark literarisch geprägt sein, weil gerade diese visuelle Komponente in Texten ohnehin deutlich schwerer zu transportieren ist. Das Aussehen der Stadtkulisse beispielsweise in „Blade Runner“ kann man nicht einfach so hinschreiben. Da muss man anders vorgehen.

Wo oder von was lässt du dich inspirieren?

Von allem, was sich in mir miteinander vermischt: Bücher, Musik, Filme, Serien, Seminare, Träume, Rollenspielerlebnisse, frei flottierende Meme …

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Vielleicht ein weiterer Steampunk-Roman? ;-)

Ich habe jetzt drei Romane auf dem Markt, die alle mehr oder weniger „urban fantasy“ sind, und sogar im Kleinen miteinander verbunden. Ich möchte mich aber nicht zu sehr an eine bestimmte Erwartungshaltung binden. Deshalb wird mein nächster Roman z.B. ein Fantasyroman sein. Steampunk ist und bleibt eine spannende aktuelle Strömung, der ich sicher nicht für immer den Rücken kehren werde. Alles, was mir momentan dazu einfällt, kann man jetzt aber nachlesen.

Salonfragen:

Was verkörpert für dich die Essenz des Gentleman/ der Lady?

Ein wenig Aufmerksamkeit, das Spiel damit, und das Wissen, dass es sich um ein Spiel handelt.

Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?

Es gibt da ein paar Fleckchen in Kalifornien, die der Sache ziemlich nahe kommen. Ein privater Zeppelin für die Reise wäre noch schön. Ich hasse Flugzeuge.

Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?

England im Winter ohne Fernsehen und Internet.

Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel benennen, lebend oder tot?

Ich möchte mich Ju Honisch anschließen und an dieser Stelle John Steed nennen …

Und sein weibliches Gegenstück?

… sowie natürlich Emma Peel. Dass ich die beiden sehr mag, merkt man dem „Kristallpalast“ hoffentlich an.

“Mein Königreich für ein Pferd!”, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?

Ich rede überhaupt gerne mit meinen Sachen, aber ich denke, besonders meine Computer mussten sich schon einiges an Flüchen, Schmeicheleien und Stoßgebeten anhören.

Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?

Ich trage nie etwas Gelbes, außer, um meine Freunde zu schockieren. Auch bin ich kein großer Freund der Herrenmode des zwanzigsten Jahrhunderts, also Anzug und Krawatte, und verstehe nicht, wie Gehröcke und Umhänge je aus der Mode kommen konnten.

Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in seiner verruchten Form die Kultiviertheit erweitern?

Lange schlafen. Wie besser zum Ausdruck bringen, dass man der Welt vor seinem Bett kein unbescheidenes Maß an Bedeutsamkeit beimisst?

Welche Form der Gesichtsbehaarung ist akzeptabel für einen Gentleman?

Gerne würde ich sagen, dass Fragen der Behaartheit schon dank Charles Darwin heute weit hinter unseren kulturellen Errungenschaften zurückstehen. Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass das schöne Geschlecht dies oft anders sieht.

Die größte technische Segnung?

Irgendwie wohl schon das Internet, wobei Wäschetrockner und Teflonpfannen auch einiges für sich haben.

Welche Erfindung fehlt der Welt?

Ätherschiffe mit emissionsfreiem Antrieb (natürlich FTL), justierbarer Schwerkraft und selbstreinigenden Teppichböden.

Und welche hätte es besser nie gegeben?

Wenn du mich fragst, SMS.

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