„God Save The Queen“ Ein LARPbericht

God Save The Queen“ (24.-26. September 2010, eine Veranstaltung der Timetravelers) – Eine Rezension von Xavyr von Blutfelde

Literarisch und verrückt ging es zu in jenen zwei Tagen, als zwölf Spieler in einem alten Bahnwärterhäuschen durch – mehr oder weniger widrige Umstände von Schicksal und Spielleitung – zusammengeführt wurden.
Die Herberge der Höllsteigers bot den illustren Herrschaften, die an der kleinen Schweizer Bahnstation gestrandet waren, Unterkunft. Und alles, was Rang und Namen in der viktorianischen Literatur hatte, verkehrte plötzlich unter dem Dach der Wirtsleute: Da war Abraham van Hellsing, der sich mit Nikola Tesla geschäftlich, aber bislang nicht sehr einträglich zusammengetan hatte, ebenso wie der galante Graf von Monte Christo in der Begleitung Mary Shelleys, welche nunmehr Gelegenheit hatte, sich mit der Schwester ihres Romanprotagonisten auseinanderzusetzen, denn auch Ada Frankenstein war in personam anwesend. Auf der Suche nach Schauergeschichten hatte es auch Ambrose Bierce in diese verlassene Gegend verschlagen, noch war aber nicht zu ahnen, wie fündig er hier werden sollte. Das Abenteurerpaar Charlotte von Humbold und Phileas Phogg war gleichfalls in der kleinen Schweizer Herberge gestrandet, besonders bitter für Herrn Phogg, der erst zwei Tage seiner berühmten Reise hinter sich hatte bringen können. Zu allem Unglück.
Noch unglücklicher gestaltete sich schon zu Beginn die Tatsache, dass Ottilie von Faber-Castell es auf Foggs Koffer abgesehen hatte, versehentlich aber den seines Abteilnachbarn Dorian Gray aus dem Zug mitnahm. Letzterer hätte sonst ganz nonchalant nach Genf reisen können, wäre sein Portrait nicht in dem Koffer gewesen. In dem Fall jedoch hätte Dorian nie von dem beherzten Tierarzt Dr. Eisenwolf beim Frühstückstisch erfahren dürfen, worum es sich bei einer Maidenstute handelt.


(Gruppenbild, aufgenommen von Amelia Grey)

Nun, man saß in einem verregneten, von Gott verlassenen Ort in der Schweiz fest. Das einzig Gute war: Die Höllsteigers hatten einen famosen Koch in ihrer Herberge. Dass sich dieser fränzösische Spitzencuisinier später am Abend als Werwolf herausstellte, war nebensächlich. Es sollte, ganz im Gegenteil, ein regelrechter Wettstreit zwischen Phileas Phogg und Dorian Gray darum entstehen, den Mann abzuwerben. Lykanthropie, so lernt man daraus, muss kein beruflicher Hemmschuh sein.

Und noch etwas gab es zu lernen: In Transsylvanien werden Spiegeleier immer beidseitig gebraten. So versicherten es wenigstens die drei merkwürdigen Damen, die behaupteten, von dort zu stammen. Warum nur hegten sie so großes Interesse, das Zimmer des Psychologen und Mesmerismus-Experten Dr. Caligari zu durchsuchen? In diesem Zusammenhang musste auch dessen Zimmergenosse Dorian Gray eine erschreckende Erfahrung machen – die Dame, die so freimütig mit ihm nach oben gehen wollte, war nur an Caligaris Forschung, nicht aber an „Paarung“ interessiert. Sollte es denn möglich sein…?

Die Forschungen des Dr. Caligari waren jedoch in der Tat beächtlich – wenngleich noch niemand ahnte, wie beächtlich. Caligari hatte erkannt, dass es Wege in phantastische Welten jenseits der unseren gab und er wollte sie zu seinem Vorteil nutzen. Dummerweise führte jener Weg über das Hirn der unglücklichen Patientin 31 – besser bekannt als „Alice im Wunderland“. Zusammen mit dem Automatenkonstrukteur Dr. Coppelius und der Hilfe des internationalen Superverbrechertums (man denke an illustre Namen wie Professor Moriati und letztlich „Den Franzosen“), aber auch einiger ganz abgerissener Kreaturen wie Peter Struwel und dem Duo Max und Moritz wollte Caligari seine Pläne in die Tat umsetzen.
Mit letzteren, die sich als deutsche Aufständische und Kriminelle herausstellten, wurden die Gäste am Abend in höchst martialischer Weise konfrontiert. Es gab reihenweise Verletzte bei der Abwehr der „german rioters“. Bei jenem Angriff lernte Dorian Gray eine ganz eigene Variante der Formel „Auge um Auge“ kennen. Doktor Caligari indessen wurde von den „Transilvanierinnen“ entführt.

Es kam jedoch alles noch schlimmer, als die Gäste feststellen mussten, dass eine Anomalie im Raum-Zeit-Kontinuum sie daran hinderte, das Herbergsareal zu verlassen. Wer es versuchte, alterte und zerfiel letztlich zu Staub, wenn er nicht schnell wieder von dem Plan abließ. Dr. Coppelius sollte dieser Umstand das Leben kosten. Ursache der ganzen Misere war eine Apparatur, entwickelt von Caligari und Coppelius, die Alices Gehirn barg, und die sowohl die Wunderland-Göre als auch die Gäste zu Gefangenen machte. Doch es sah nicht völlig hoffnungslos aus, denn Hilfe war unterwegs. Das legendäre Tigris-Kommando, DIE Schweizer Elite-Einheit, kam am nächsten Tag zur Rettung aller. Legendär waren sowohl ihr Auftritt, als auch ihr Abgang. Nachdem sie, ausser der Verbreitung mittelschwerer Unordnung, nichts erreicht hatten, marschierten die Tigris-Eliteleute directement in die unsichtbare Barriere und ihren Untergang. Legendär, versteht sich.
Wenn die Gäste geglaubt hatten, die deutschen Aufständischen um Peter Struwel und Team Tigris seien bizarre Besucher gewesen, dann hatten sie sich geirrt, denn was als nächstes kam, überstieg jeden Grad an Fassungsvermögen des normal geistig Gesunden und auch des Durchschnittsirren.

Eine Abordnung grotesker Gestalten aus dem Wonderland, oder „Won Dalenn“, wie sie es nannten, kam zum Mittagessen vorbei. Wenn man erwähnt, dass ein Nilpferd-Mensch-Hybrid namens Marie-Antoinette unter der Gesandtschaft war, ist die Merkwürdigkeit der ganzen Situation noch nicht einmal halbwegs umrissen. Man hätte sich möglicherweise wieder in völligem Unverständnis getrennt, wäre nicht durch Zufall der einzige Weg ans Tageslicht gekommen, mit diesen Wesen zu kommunizieren: Oxford-Englisch.
Größte Leidtragende jener Begegnung war übrigens Ilse Grimm, die psychisch stark vorbelastete Schwester der Gebrüder Grimm, deren Geschichten vor allem Ilses Alptraumvisionen entstammten. Die ehemalige Caligari-Patientin (und nein, Ilse Grimms Gehirn befand sich, anders als das von Alice, noch da, wo es sein sollte), war am Mittag des 2. Tages ebenfalls in die Herberge gekommen. Die Begegnung mit den Won-Dalenn-Gästen vertrug die Fabelwesen-Traumatisierte natürlich denkbar schlecht. Sogar eine Hypnose-Sitzung mit Dr. van Hellsing konnte nur mäßig Abhilfe schaffen.

Auch Won Dalenn war in Unordnung geraten, mehr noch, als sonst, denn es hatte seine Königin verloren, Alice, welcher die Gehirnextraktion, die Caligari an ihr vorgenommen hatte, nur mäßig gut bekommen war. Die Geschöpfe suchten sie, die Herbergsgäste suchten einen Ausweg. Was sie fanden, war schließlich der Weg ins Wunderland. Selbst erfahrenen Opium-Veteranen schlug dieser bizarre Ausflug auf die geistige Konstitution. Oder aber, in realen Bezügen formuliert: Selbst ein abgebrühter Cthulhu-Spieler wäre in diesem Szenario zwar keinem Schrecken anheimgefallen, wohl aber dem Wahnsinn ein gutes Stück näher gekommen. Doch die tapferen Won-Dalenn-Reisenden wurden letztlich mit einem Klumpen Rotz der Raupe Katapila belohnt, welcher sich als unerlässlich für das Auffinden der Alice-Maschine erwies.

Letzten Endes wurden Maschine und Hirn gefunden – aber was nun? Alice hatte keinen Körper mehr und das Wunderland brauchte eine neue Königin. Man entschied sich für zwei Dinge: Eine neue Königin für Won Dalenn (und wer hätte das besser erfüllen können, als Ilse Grimm, die die Herrschaft über das bizarre Land den irdischen Irrenanstalten vorzog) und – „Barmherzigkeit“, natürlich nicht Euthanasie, wie Dr. Eisenwolf es bezeichnete.

Das Larp endete hochoffiziell mit einer kinematographisch übermittelten Ansprache Königin Victorias persönlich, die eine Mischung aus Drohungen und Belohnung für die Anwesenden bereithielt.
Doch alle, die den Wahnsinn von Won Dalenn überstanden haben, dürfen sich ab sofort in der glücklichen (?) Lage wähnen, zu einer ganz besonderen Liga zu gehören…

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