Captains Ratschläge an den Schiffsjungen (73)

Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene.

“Und wie viele davon hast du tatsächlich gelesen?”

Diese Frage bekommst du früher oder später gestellt, wenn Gäste deine gut gefüllte Bibliothek sehen. Umberto Eco hat darauf die obige Antwort gegeben („Die Kunst des Bücherliebens). Eco liefert auch noch die Erklärungen dazu:

„Erstens: Im Lauf der Jahre hat sich durch die verschiedenen Berührungen, wenn wir das Buch umgestellt, abgestaubt oder auch bloß ein Stück zur Seite geschoben haben, um ein anderes besser herausziehen zu können, etwas von seinem Inhalt über unsere Fingerkuppen in unser Hirn übertragen, wir haben es also gewissermaßen taktil gelesen, als ob es in Blindenschrift gedruckt wäre….

Zweite Erklärung: Es stimmt gar nicht, dass wir das fragliche Buch nie gelesen haben. Jedesmal, wenn wir es abstauben oder verschoben, haben wir einen kurzen Blick darauf geworfen, es irgendwo aufgeschlagen, etwas in der Graphik, in der Konsistenz des Papiers, in der Farbe hat uns von einer Epoche, von einem bestimmten Ambiente gesprochen, und so haben wir nach und nach einen großen Teil davon absorbiert.

Dritte Erklärung: Im Lauf der Jahre haben wir andere Bücher gelesen, in denen von diesem die Rede war, so dass wir, ohne es uns bewußtzumachen, gelernt haben, was es zu sagen hatte (sei’s dass es sich um ein berühmtes Buch handelte, von dem alle gesprochen haben, oder um ein banales, dessen Ideen so gewöhnlich sind, dass wir sie fortwährend anderswo gefunden haben)“

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