Im Salongespräch: Nina Horvath

Die Steampunk-Anthologie macht Fortschritte und das Cover wurde bereits gesichtet. Grund genug eine weitere sympathische Autorin der Sammlung auf die Couch im Rauchersalon zu laden und mit ihr über Steampunk, Schreiben und die Welt zu reden. Dabei dürfen die Salonfragen natürlich auch nicht fehlen.

Nina Horvath studiert Paläontologie an der Universität Wien, ist aber auch als Autorin zahlreicher Kurzgeschichten bekannt. Ihre Vorliebe gilt den eher düsteren Science-Fiction-Erzählungen.

Was hat dich an dem Genre Steampunk interessiert, dass du dich mit einer Erzählung an der Anthologie beteiligt hast?
Für mich war Steampunk Neuland, etwas, das man eben mal gehört hat, aber auch nichts Genaueres wusste. Meine erste Reaktion, als ich von dem Projekt hörte, war: „Juhu, endlich mal wieder Science-Fiction! – Dann fliegen sie ihre Raumschiffe halt mit Kohle …“
Bis ich meinen Irrtum bemerkte, dass die Anthologie 1889 spielen sollte und man dementsprechend wenig Wert auf Zukunftsvisionen legt, war ich schon mitten drin. Ich war als gestandener Science-Fiction-Fan erst einmal skeptisch, wie ich eine quasi-historische Geschichte angehen sollte. Aber es hat dann doch noch geklappt, wobei mich vor allem die unerschütterliche Begeisterung unseres Herausgebers und die der anderen Autoren letztendlich mitgerissen hat.

Gab es besondere Herausforderungen im Gegensatz zu deinen anderen Geschichten?
Das kann man wohl sagen! Ich habe noch nie in meinen Leben eine Geschichte geschrieben, die in der Vergangenheit spielt, zumindest nicht im Bereich von hundert Jahren oder länger zurückliegend. Meine Welt ist wie bereits erwähnt die der Zukunft, bestenfalls noch die der Gegenwart oder einer nicht näher festgelegten Zeit.

Wie hast du das Genre Steampunk für dich entdeckt?
Ich würde gerne schreiben, dass ich im Grunde meines Herzens schon immer eine Steampunkerin war. Ich habe jedoch erst während der Planungsphase der Anthologie angefangen, mich mit Steampunk zu beschäftigen. Dann habe ich entdeckt, dass mir manche Ideen vielleicht nicht so fremd sind und dass da unglaublich kreative Menschen unterwegs sind. Ich liebe Menschen, die sich nicht damit zufrieden geben, den Alltag nur irgendwie zu überstehen, sondern auch hier das Besondere zu suchen – und das scheint in der Steampunkszene essentiell zu sein.

Dürfen wir noch weitere Geschichten von dir in diesem Genre erwarten?
Ich habe mich im Laufe des Projekts über Steampunk informiert und es geht durchaus ein gewisser Reiz davon aus. Ich habe aber ein gewisses Problem mit der „Besinnung auf alte Zeiten“. Mein Weg führt mich einfach in der Zeit voran, nicht zurück. Aus diesem Grund wird man auch in Zukunft wohl eher Cyber- als Steampunk von mir lesen geben, zumindest dann, wenn ich ohne Themenvorgabe schreibe und mir erst danach eine Veröffentlichungsmöglichkeit suche.
Da ich mich mit meinen Geschichten jedoch an Sammelbänden beteilige, hängt das Thema auch sehr davon ab, was gesucht wird. Ruft ein Herausgeber oder Verleger, von dessen Arbeit ich überzeugt bin – und der auch reizvolle Veröffentlichungsbedingungen bietet – zum Schreiben zu einem bestimmten Thema auf, mache ich auch schon mal Ausflüge in andere phantastisches Genres. Ob es wieder Steampunk von mir geben wird, hängt also vor allem davon ab, ob jemand Steampunk von mir veröffentlichen möchte!

Steampunk wird (häufig) mit der viktorianischen Gesellschaft in Verbindung gebracht. Gäbe es Grundgedanken oder Verhaltensformen, die du gerne in der heutigen Zeit (wieder-)sehen würdest?
Wir sehen rückblickend gerne das, was ein kleiner Teil der Gesellschaft, nämlich die Oberschicht gemacht hat. Aber eine Gesellschaft besteht nun mal nicht aus einem kleinen Teil von Priviligierten, sondern aus allen Menschen, die dazu gehören. Daran, dass viele selbst im Herrschaftsbereich Königin Viktorias hungern mussten, kann ich nichts Erstrebenswertes finden. Nicht umsonst sagte Berthold Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Solange die Grundbedürfnisse der Menschen nicht annähernd sichergestellt ist, kann eine Gesellschaft als solche keinem höheren Ideal folgen.

Wo oder von wem lässt du dich besonders gerne inspirieren?
Ich habe meine besten Ideen im Bett, im morgendlichen Halbschalf zwischen Wachen und Träumen.

„Love the machine, hate the factory“ ist ein Credo der Steampunk-Kultur. Nehmen wir das als Aufruf wieder mehr wert auf das „Selber machen“ zu legen ohne dabei auf den Baum zurück zu wollen. Kannst du hierzu einen Bezug herstellen? Schlägt sich das in deinem (Kauf-)Verhalten nieder?

Ich habe erst ein wenig in die Steampunk-Kultur über das Internet hineingeschnuppert und kenne gar niemanden, der sich da verwurzelt fühlt, persönlich. Es wäre also übertrieben, zu sagen, dass sich seit der „Entdeckung“ von Steampunk durch mich mein Leben radikal verändert hätte. Allerdings bin ich dazu erzogen worden, dass man jeder Person außerhalb der Familie mit einem gewissen Misstrauen begegnet. Man lässt andere nur unter großen Vorbehalten ins Haus und bei Angelegenheiten, die verlässlich erledigt werden müssen, legt man selbst Hand an und erwartet nicht, dass sich jemand anderer der Sache annimmt. Dadurch wird man automatisch in gewisser Weise zum „Selbermacher“.

Warum glaubst du, dass Steampunk in Deutschland noch so wenig Beachtung findet? (Im Gegensatz zu USA/UK)
Nun, ich bin Österreicherin, kann also die Situation in Deutschland lediglich mehr oder weniger aus der Ferne beobachten, auch wenn mir dieses Land durchaus ein bis zwei Mal in Jahr eine Reise wert ist.
Bei uns in Österreich gibt es nicht einmal eine annehmbare Phantastikszene. Es gibt viele Kulturschaffende in dem Bereich, aber es fehlen einfach die Plattformen zur Vernetzung untereinander. Selbst eine nicht allzu große Science-Fiction oder Fantasyconvention scheint derzeit undenkbar. Wie soll da etwas ungleich Spezielleres wie Steampunk auch nur einen kargen Nährboden finden?
In Deutschland ist die Situation etwas besser, es gibt Conventions zu verschiedenen phantastischen Genres, viele Kleinverlage mit Genrespezialisierungen – so etwas fehlt in Österreich praktisch völlig – und auch ein weitaus ausgedehnteres Netz an Internetplattformen, in denen Gleichgesinnte zueinander finden können. Ich nehme einfach an, dass in England und den USA das eben einfach noch besser funktioniert und unter diesen Rahmenbedingungen können sich auch speziellere Gruppierungen wie Steampunker sich eher untereinander vernetzen und erst gemeinsam kann dann eben auch wieder eine größere Aufmerksamkeit erzielt werden.

Salonfragen:

Was ist für verkörpert für dich die Essenz des Gentleman/ der Lady?

Ein Gentleman oder eine Lady muss sich zwar auch nicht aufopfern oder immer gut drauf sein und schon gar nicht gute Miene zum bösen Spiel machen, aber er oder sie lässt seine Frustration nie an Schwächeren aus, die mit der ganzen Misere gar nichts zu tun haben. Das ist für mich die Essenz, alles andere ist nur nettes Beiwerk.

Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?

Ich weiß nicht, ob ich ein Paradies wirklich wollen würde. Denn ein Paradies kann meiner Ansicht nach nur so lange existieren, wie sich nichts ändert. Völliger Stillstand ohne Weiterentwicklung hingegen ist für mich wieder eine Horrorversion. Ich denke also, dass es für mich kein Paradies gibt, nicht einmal in der Vorstellung.

Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?

Die Hölle auf Erden ist für mich, wenn jeder Schritt, den man tut, zwangsläufig ist. Dazu muss auch niemand mit gezogener Waffe hinter einem stehen, ja ganz im Gegenteil erscheint mir das „selbstgebaute Gefängnis“ die wahre Hölle zu sein.

Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel benennen, lebend oder tot?

Der perfekte Gentleman zeichnet sich meiner Meinung nach durch ein aufmerksames Verhalten aus. Er hält Nachfolgenden die Tür auf, bietet eine Tasse Tee an und erhellt durch kleine Komplimente den tristen Alltag. Es ist also etwas, das man wohl gar nicht bei prominenten Beispielen beurteilen kann, da öffentliche Auftritte sehr viel von Schauspiel haben. Im Alltag widerum begegne ich zwar genug zuvorkommenden Männern, aber die schaffen es meist, den guten Eindruck als Gentleman schnell wieder durch eine spöttische Bemerkung – ich scheine diese geradezu magisch anzuziehen – zunichte zu machen. Ich kenne, glaube ich, nur Personen, die lediglich phasenweise Gentleman sind. Nein, ein Beispiel kann ich beim besten Willen nicht nennen.

Und sein weibliches Gegenstück?
Ein „Gentlewoman“ würde dasselbe aufmerksame Verhalten an den Tag legen, das man sich auch von einem Gentleman wünscht. Schließlich möchte man doch auch nicht von einer Frau die Tür vor der Nase zugeschlagen bekommen und ab und an ein paar freundliche Worte für die Mitmenschen sind nie fehl am Platze!

„Mein Königreich für ein Pferd!“, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?

Ich spreche normalerweise nur mit Objekten, wenn ich mich sehr über sie ärgere. Aber grundsätzlich gibt es zwei materielle Dinge, die mir etwas bedeuten: Das sind zum einen Bücher. Da drin ist so viel Fachwissen gespeichert, bei Unterhaltungsliteratur hingegen besteht die Möglichkeit, ein ganz anderes Leben kennen zu lernen, am liebsten erfahre ich etwas über eines, das sich von meinem sehr unterscheidet, weshalb ich auch inzwischen praktisch ausschließlich phantastische Literatur lesen.
Inzwischen geht es mir aber mit meinem Computer ähnlich. Durch das Internet gibt es ebenfalls Zugang zu unglaublichen Mengen an Information, ich kann jederzeit unkompliziert mit anderen Menschen in Kontakt treten, ob nun per Mail oder ICQ. Zudem ist der Computer mein wichtigstes Werkzeug beim Schreiben geworden. Schreiben, Beiträge einreichen, Kontakte pflegen oder auch Aufträge für einen Verlag übernehmen (ich arbeite als freie Mitarbeiterin beim BLITZ-Verlag), das alles läuft nicht mehr über die Zettelwirtschaft, sondern gänzlich digital ab.

Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?

Es gibt praktisch kein Kleidungsstück in der passenden Größe, das ich nicht anziehen würde! Dresscodes und Aussagen, man könne dieses oder jenes nicht tragen oder wenn man bestimmten Personen abhängig von Alter, Figur, Beruf oder Familienstand gewisse Stile vorenthalten möchte, sind mir zutiefst zuwider – ebenso wie willkürlich aufgestellte Regeln. Ich lasse mir bestimmt von niemanden sagen, dass man ein schönes Kleid nicht mit Sportschuhen und rot nicht mit orange kombinieren „darf“!

Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in seiner verruchten Form die Kultiviertheit erweitern?

Nun, ich habe nur ein echtes Laster und das ist Biertrinken. Gerade bei einer Frau zählt das ja nicht gerade zu den Höhepunkten der Kultiviertheit, das merke ich besonders in Restaurants, wo mir immer wieder Softdrinks oder ein Gläschen Rotwein vor die Nase gestellt werden und der Kellner dann laut in die Runde fragt: „Wem gehört das große Bier?“ – Dass mich einige Leute anstarren, wenn ich mich melde und dazu auffordere, das fälschlich servierte Getränk zu entfernen, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.
Andererseits sollte man sich vor Augen halten, wie sorgfältig und aus welchen guten und vor allem natürlichen Rohstoffen dieses Getränk gewonnen wird. Und mit alten oder neuen Bekanntschaften über die verschiedenen Sorten zu fachsimplen, hat auch wieder einen Hauch von Kultiviertheit.

Welche Form der Gesichtsbehaarung ist akzeptabel für einen Gentleman?

Ob jemand ein Gentleman ist, zeigt sich am Auftreten und Handeln, nicht daran, ob jemand einen Bart hat oder nicht. So manche Respektsperson mag durch einen imposanten Bart noch ehrfurchtsgebietender wirken, allerdings ziehe ich bei einem potentiellen Partner die glatte Rasur bis zur Länge eines Drei-Tage-Barts vor.

Die größte technische Segnung?

Für mich persönlich ist das definitiv das Internet. Es ist mir immer schon schwergefallen, Personen zu finden, die ähnliche Interessen haben oder die nachvollziehen können, was ich denke und fühle. Durch das Internet bin ich nicht mehr den geographischen Beschränkungen im Finden von Freunden unterworfen.

Welche Erfindung fehlt der Welt?

Gehirnimplantate zum einfachen Einspielen von Informationen, vielleicht auch solche, die die direkte Verbindung zum Internet über WLAN jederzeit herstellen können. Die Menschheit hat immer mehr Wissen und gerade in den Industrieländern haben wir das Problem unverhältnismäßig lange dauernder Ausbildung. Eine Erfindung, die der Welt fehlt, ist das Wissen für jede Person zu jeder Zeit verfügbar zu halten. Eine gewisse Grundintelligenz und das Lernen würde es uns zwar nicht ersparen, es würde jedoch auf das Kennenlernen von Gesetzmäßigkeiten und Recherchetechiniken reduziert werden und das stumpfe Auswendiglernen würde komplett wegfallen.

Und welche hätte es besser nie gegeben?

Am schlimmsten sind Erfindungen, die ausschließlich dazu benutzt werden können, um Menschen auf die grausamste Weise zu töten und zu verstümmeln, also beispielsweise Landminen, wo dann auch noch tragischerweise besonders viele Kinder Opfer werden.

3 Kommentare zu Im Salongespräch: Nina Horvath

  • Stefan Haag

    Hmm… möglicherweise wird Steampunk mit eurer Anthologie wieder etwas „salonfähiger“. Ich werd sie mir auf jeden Fall zulegen.

  • Zu:“Warum glaubst du, dass Steampunk in Deutschland noch so wenig Beachtung findet?“
    Naja, ich sehe da schon die letzte Zeit mehr wie ein Licht am Horizont. Und außerdem verschwimmen die Genres manchmal ein wenig, so das man manc…hes nicht 100% dem Steampunk zuordnen kann. Steampunk mit Magie oder Urban-Fantasy Einflüssen, ist doch egal hauptsache es gefällt. Mag vielleicht sein das solches den richtigen Steampunkern nicht gefällt …

    pmachinery.de plant ne ST Anthologie für nächstes Jahr, Feder und Schwert ist da doch aktiv,
    bernd Perplies Magierdämerung wird zwar auf der Verlagseite als Fantasy angepriesen, ich sehe dort aber ST Einflüsse

    Da ist was am Laufen. Wobei ich mir aber auch nicht unbedingt en ST Schwemme wünsche.

  • […] der Anthologie „Von Feuer und Dampf“, hat dem Steampunk-Onlinemagazin Clockworker ein Inteview […]

Hinterlasse einen Kommentar

 

 

 

Du kannst diese HTML tags benutzen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>