Im Salongespräch: Gerd Scherm

Zum heutigen Salongespräch dürfen wir den Autor Gerd Scherm auf der Couch im Rauchersalon begrüßen.Anlass ist seine Erzählung „Der Rosenbaum-Golem„, die in der Steampunk-Anthologie des Arcanum-Verlages erscheinen wird. Gerd stellte sich nicht nur den Fragen des Clockworkers, sondern lieferte auch die gleich die passenden Fotos mit.  Passend zum Thema ließ er sich vor dem Denkmal von Gustav Weißkopf ablichten, der zwei Jahre von den Gebrüdern Wright einen erfolgreichen motorisierten Flug wagte.

Gerd Scherm lebt und arbeitet in einem alten Fachwerkgehöft in Binzwangen bei Colmberg und ist als Schriftstelle und bildender Künstler tätig. Seine Lyrik hat immer wieder Komponisten zur Vertonung seiner Texte angeregt. Weitere Informationen zu seine zahlreichen Veröffentlichungen sind auf seiner Homepage zu finden.

Was hat dich an dem Genre Steampunk interessiert, dass du dich mit einer Erzählung an der Anthologie beteiligt hast?

Der Ansatz einer alternativen Historie, der ja den Steampunk-Geschichten zugrunde liegt. Ein solcher Ansatz ist schon seit mehr als zehn Jahren eines meiner Hauptthemen. Meine „Nomadengott-Saga“ (erschienen im Heyne Verlag) ist nichts anderes, als der „bekannten“ Geschichte eine andere, „parallele“ Wirklichkeit zu geben. „Der Nomadengott“ z.B. gibt biblischen Ereignissen einen anderen Verlauf, beschreibt sie aus völlig anderer Perspektive und bietet eine humorvoll-hintersinnige Alternative. Bei meinem Roman „Die Irrfahrer“ erzähle ich den Minotaurus-Mythos ebenso anders wie Ereignisse beim Kampf um Troja und vor allem bei der Odyssee. Odysseus war auf keinen Fall ein Gentleman! Und im dritten Band „Die Weltenbaumler“ stelle ich die germanische Götterwelt auf den Kopf und biete den Lesern auch zu den Nibelungen, Siegfried und dem Drachen ein völlig andere und, wie ich hoffe, unterhaltsame Version.

Gab es besondere Herausforderungen im Gegensatz zu deinen anderen Geschichten?

Die größte Herausforderung bei meiner Story „Der Rosenbaum-Golem“ waren eindeutig die technischen Aspekte. Ich habe mich dafür sehr intensiv mit der Dampftechnologie, Konstruktionsvorstellungen und auch etwas abseitigen technischen Ansätzen und Entwicklungen des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigt.

Warum war es dir wichtig, den technischen Aspekt gründlich zu recherchieren? Dem „normalen“ Leser dürfte diese Technik so fremd sein, dass er wahrscheinlich auch eine oberflächliche Beschreibung hinnehmen würde.

Das liegt an meiner Persönlichkeitsstruktur, ich bin Detail versessen und für mich geht es ein Stück weit auch um Glaubwürdigkeit. Wenn in einer Steampunk-Geschichte ein Roboter auftaucht, dann will ich auch wissen, warum er funktioniert, warum sich die Maschine orientieren kann, wie sie auf Außeneinflüsse reagieren kann. Mein Rosenbaum-Golem könnte theoretisch auch funktionieren.

Wie hast du das Genre Steampunk für dich entdeckt?

Durch die Literatur – von Neal Stephensons Barock-Trilogie über„His Dark Materials“ bis zu „Die Glasbücher der Traumfresser“ und entsprechende Diskussionen darüber im Internet.

Dürfen wir noch weitere Geschichten von dir in diesem Genre erwarten?

Ich hoffe es. Ich würde nach dem „Rosenbaum-Golem“ sehr gerne noch weitere Abenteuer meiner Hauptfigur, dem Erfinder Aaron Rosenbaum erzählen.

Steampunk wird (häufig) mit der viktorianischen Gesellschaft in Verbindung gebracht. Gäbe es Grundgedanken oder Verhaltensformen die du gerne in der heutigen Zeit (wieder-)sehen würdest?

Höflichkeit, die öffentlichen Umgangsformen, die wohltuende Distanz. Man sollte aber nie aus den Augen verlieren, dass wenn man hinter die Kulissen sieht, natürlich jede Epoche ihre „Schmuddelecken“ hat. Doch warum sollte man sich das Schlechte der Äonen auswählen, wenn man sich doch das Beste daraus zusammenstellen und pflegen kann?

Wo oder von wem lässt du dich besonders gerne inspirieren?

Natürlich von Büchern und Filmen. Und ich liebe es, im Internet auf Steampunk- und ähnlichen Seiten zu stöbern und mir all die Dinge anzusehen, die Menschen gezeichnet oder gebaut haben. Die fantastischen Computermodifikationen haben es mir besonders angetan und ich fürchte, eines Tages werde ich das Geld dafür ausgeben und mir solch ein Equipement gönnen. Ich mag auch die Illustrationen aus diesem Bereich und habe seit fast zwei Jahren ständig wechselnde Steampunk-Motive als Desktophintergrund.

„Love the machine, hate the factory“ ist ein Credo der Steampunk-Kultur. Nehmen wir das als Aufruf wieder mehr wert auf das „Selber machen“ zu legen ohne dabei auf den Baum zurück zu wollen. Kannst du hierzu einen Bezug herstellen? Schlägt sich das in deinem (Kauf-)Verhalten nieder?

Ich bin ein Mensch, der gerne spielt, sich verkleidet und in andere Welten versetzt. So spiele ich bei Events für mein Theaterstück „Alexander der letzte Markgraf“ einen zeitreisenden Dichter im Rokoko-Gewand, der mit seiner Zeitmaschinen-Kutscherin unterwegs ist. So treten wir gemeinsam auf, u.a. im Fränkischen Freilandmuseum oder bei den Rokoko-Festspielen in Ansbach.
Und zum Kaufverhalten: Natürlich gebe ich Geld für schöne Dinge aus. Ich bin da ein wenig von Oscar Wilde infiziert: „Gebt mir den Luxus des Lebens und ich verzichte gern auf seine Notwendigkeiten.“

Für einen Teil der Steampunk-Gesellschaft ist Steampunk mehr als sich zeitweise in eine andere Zeit zu versetzen, sondern ein Lebensstil bis hin zu einer politisch/philosophischen Aussage. Kannst du das als ernst nehmen oder siehst du das eher als modischen Trend?

Ich nehme das durchaus ernst, obwohl ich noch nicht sehe, wohin die Entwicklung geht. Doch unsere Zeit kennt so viele Bereiche alternativer Lebensgestaltung, nicht nur erst seit heute. Seit ca. 1800 zerfiel das beschreib- sprich formulierbare Universum in immer kleinere Segmente, wobei es gleichzeitig ungeheuer expandierte. Die Sprache teilte sich in Sprachen – Fachtermini, schichtspezifische Jargons, Subkultur-Slangs bis in kleine und kleinste Unterbereiche. Wenn schon die Sprache sich so zersplittert, wie dann erst die Gesellschaft und die jeweiligen Lebens- und Glücksvorstellungen der einzelnen Gruppen?

Warum glaubst du, dass Steampunk in Deutschland noch so wenig Beachtung findet? (Im Gegensatz zu USA/UK)

Das Phänomen „Steampunk“ ist einfach noch zu unbekannt. Aber steter Tropfen höhlt bekanntlich den stursten Stein und so hoffe ich, dass unsere Anthologie einen Beitrag dazu leisten kann, dieses wunderbare und faszinierende Genre in Deutschland bekannter zu machen.

Fotos: Friederike Gollwitzer

Salonfragen:

Was verkörpert für dich die Essenz des Gentleman / der Lady?

Stets zuvorkommend zu Damen, ritterlich, vielseitig gebildet, belesen, sich seiner selbst bewusst, stets die Ruhe bewahrend, zur Diskretion fähig, mit zurückhaltender, aber beharrlicher Neugier ausgestattet, gut gekleidet, dem Kantschen Imperativ folgend, seiner Ethik und seinen Prinzipien treu.
Bei einer Lady sehe ich dazu noch eine ausgeprägte Fürsorglichkeit, gepaart mit der Fähigkeit, ein ruhender Pol zu sein, aber auch im richtigen Moment zupackend zu handeln.

Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?

Auf keinen Fall Langeweile! Saiteninstrumente traktierend auf Wolken sitzend wäre für mich eine Bestrafung. Inaktivität ist für mich ein Horror. Ruhe schätze ich nur insofern, um Nachzudenken, zu Lesen, Musik zu hören oder zu Regenerieren. Paradiesisch wäre in meinen Augen ein gepflegter Landsitz mit Luftschifflandeplatz und dadurch guter Anbindung an den Rest der Welt; eine liebende Lady an meiner Seite; eine gut bestückte Bibliothek samt Internetanschluss und alle Zeit der Welt, mich meinen Vorlieben zu widmen.

Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?

Rosenmontag im Rheinland.

Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel benennen, lebend oder tot?

Ein Beispiel? Nein, denn nobody is perfect – ich denke es gibt immer nur Annäherungswerte ans Ideal.

Und sein weibliches Gegenstück?

Die Lady, das weibliche Pendant, und auf keinen Fall „Gegenstück“! Ich würde von einer Lady niemals als „Stück“ sprechen.

„Mein Königreich für ein Pferd!“, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?

Einer Schreibmaschine.

Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?

Einen Pepita-Anzug.

Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in seiner verruchten Form die Kultiviertheit erweitern?

Was ist, abgesehen von gewissen Transportfahrzeugen, ein Laster?

Welche Form der Gesichtsbehaarung ist akzeptabel für einen Gentleman?

In erster Linie ein Schnurrbart, aber auch ein Vollbart – wenn es zum Gentleman passt.

Die größte technische Segnung?

Das Rad und seine Steigerung: das Zahnrad.

Welche Erfindung fehlt der Welt?

Eine perfekt funktionierende Friedenspfeife.

Und welche hätte es besser nie gegeben?

Alle atomaren Technologien.

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