Nach einer kleinen Pause bitten wir heute Oliver Hohlstein zum Salongespräch auf die Couch im Rauchersalon. Oliver ist als Autor an der Steampunk-Anthologie im des Arcanum Verlages beteiligt, die wahrscheinlich nächsten Monat erscheint.
Neben den bekannten Salonfragen zu seiner Gentleman-Philosophie und Steampunk im Alltag, gab er Einblick in seine Arbeit an der Anthologie und der Zukunft des Genres.
Was hat dich an dem Genre Steampunk interessiert, dass du dich mit einer Erzählung an der Anthologie beteiligt hast?
Ich denke, es war gerade die Möglichkeit, für ein Genre zu schreiben, dass noch nicht so von Produkten übersättigt ist. Wobei ich eher das Gefühl hatte, dass mich das Genre gerufen hat als dass ich es gesucht hätte.
In wie fern gerufen? Gibt es da einen Aspekt den du besonders reizvoll findest?
Das mit dem “gerufen” ist ein wenig schwer zu beantworten, weil sich das meinem bewussten Denken entzieht. Es könnte aber sein, dass der Reiz auch etwas im spielerischen Umgang mit Geschichte liegt; die Möglichkeit, alles ein klein wenig anders laufen zu lassen als “in Wirklichkeit”. Auch wenn unsere Geschichten ja nur ganz am Rande historische Ereignisse aufgreifen.
Gab es besondere Herausforderungen im Gegensatz zu deinen anderen Geschichten?
Die größte Herausforderung für mich war die Vorgabe, keine übernatürlichen Elemente in die Geschichten einfließen zu lassen. Bei allen meinen Geschichten davor habe ich immer den einen oder anderen Schwenk ins Übernatürliche gehabt. Das musste ich hier nun vermeiden. Aber wie es aussieht, hat das ganz gut geklappt.
Wie hast du das Genre Steampunk für dich entdeckt?
Da ich ein begeisterter Rollenspieler und Kinogänger bin, kenne ich schon Filme wie „Wild Wild West“, „Sky Captain and the World of Tomorrow“ oder Rollenspiele wie „Deadlands“ oder „Opus Anima“. Auch bei der alten „World of Darkness“ von White Wolf sind ja mit den „Söhnen des Äther“ bei Mage und den „Nockern“ bei Changeling Steampunk-Elemente enthalten. Wobei ich jetzt zugeben muss, dass alle diese Beispiele auch eine große Portion Übernatürliches enthalten. Dass es da tatsächlich eine Reenactment-Subkultur gibt, war mir so bisher nicht bekannt. Das kannte ich eher in Richtung Mittelalter.
Damit sprichst du ein “Problem” der Steampunk-Subkultur an, da viele es nicht als “alternatives Reenactment” der viktorianischen Zeit sehen, sondern als moderne Lebensphilosophie, die sich auch – aber nicht nur – in Kleidung ausdrückt, sondern großen Wert auf die Individualisierung technischer Geräte legt. Hättest du eine Idee, wie man dieses Element besser betonen kann, um nicht “nur” als Fans eines literarischen Genres
zu gelten?
Also, die Bilder, die ich beim Clockworker oder auf Facebook gesehen habe, fand ich schon sehr beeindruckend.
Vielleicht ist es wichtig, sich zu überlegen, von wem ihr so wahrgenommen werden wollt. Wenn es euch um eure Selbstwahrnehmung geht, dann braucht ihr diese Betonung vielleicht gar nicht.
Wenn es euch um eine ästhetische Betrachtung der Technik geht … dann wäre vielleicht ein Steampunk-Museum das Richtige? (Ich habe grad gegoogelt und tatsächlich: in Oxford läuft eine Steampunk-Ausstellung!
http://www.mhs.ox.ac.uk/steampunk/
Dürfen wir noch weitere Geschichten von dir in diesem Genre erwarten?
Sagen wir mal so: Wenn mir zu einem Genre eine Geschichte einfällt, dann werde ich sie auch aufschreiben und wenn sie einem Verleger gut genug gefällt, dass er sie veröffentlichen will, dann wird das geschehen. Das gilt auch für Steampunk! Im Augenblick ist aber keine weitere Geschichte in Planung.
Steampunk wird (häufig) mit der viktorianischen Gesellschaft in Verbindung gebracht. Gäbe es Grundgedanken oder Verhaltensformen die du gerne in der heutigen Zeit (wieder-)sehen würdest?
Wenn ich hier etwas ketzerisches sagen darf, dann bringe ich die viktorianische Zeit eher mit sehr strengen moralischen Vorstellungen zusammen, die Regeln um ihrer selbst Willen aufrecht erhielt. Als literarischer Hintergrund ist das sehr interessant, weil man dann rebellische Gegenpole entwerfen kann, aber wirklich leben möchte ich nicht in dieser Zeit.
Wo oder von wem lässt du dich besonders gerne inspirieren?
Ich werde inspiriert von allem, was ich lese, höre, sehe oder erlebe. Zur Geschichte „Mit Begleitung“ hat mich zum Beispiel der Besuch einer Stummfilmaufführung (Chaplins „Goldrausch“ und Murnaus „Nosferatu“) mit Klavierbegleitung in der Stadthalle von St.Georgen (im Schwarzwald) inspiriert. So entstand die Idee des Klavierspielers, der Filme untermalt, als Protagonisten.
“Love the machine, hate the factory” ist ein Credo der Steampunk-Kultur. Nehmen wir das als Aufruf wieder mehr wert auf das “Selber machen” zu legen ohne dabei auf den Baum zurück zu wollen. Kannst du hierzu einen Bezug herstellen? Schlägt sich das in deinem (Kauf-)Verhalten nieder?
Mein handwerklich-technisches Geschick hält sich leider in Grenzen. Insofern ist es mit dem „Selber machen“ bei mir nicht so weit her. Der Bastler in meiner Familie ist eher mein Vater. Wenn ich aber die Wahl habe zwischen einem fabrikgefertigten Massenprodukt und einem in liebevoller Kleinarbeit hergestelltem Einzelstück, dann fällt mir die Entscheidung zugunsten letzterem nicht schwer.
Warum glaubst du, dass Steampunk in Deutschland noch so wenig Beachtung findet? (Im Gegensatz zu USA/UK)
Das ist denke ich nur eine Frage der Zeit. Das Genre ist ja noch relativ jung. Ich kann mir vorstellen, dass sich da in den nächsten Jahren noch einiges tun wird. Allein die Existenz der Clockworker-Seite zeigt ja, dass die Beachtung wächst.
Salonfragen:
Was ist für/verkörpert für dich die Essenz des Gentleman/ der Lady?
Der Mut, in einer immer roher werdenden Zeit Sanftmut zu zeigen.
Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?
Ein Leben in Harmonie mit allen, ohne dass es irgendjemandem an irgendetwas fehlt.
Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?
Das wäre eine Gesellschaft in der alle Leute Polizisten sind und sich gegenseitig beaufsichtigen, beurteilen und maßregeln.Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel benennen, lebend oder tot?
Ich bin sehr misstrauisch, wenn ich den Begriff „perfekt“ höre. Gentlemen sind für mich aber generell etwas, dass ich nicht an Äußerlichkeiten fest mache. Ein Gentleman folgt seinem eigenen Weg und hat ein Ziel vor Augen, dass das Leben der Menschheit verbessern kann.
Und sein weibliches Gegenstück?
Im Prinzip genauso.
“Mein Königreich für ein Pferd!”, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?
Bis jetzt noch nicht, es kann aber durchaus sein, dass mir das eines Tages mit einem Buch passieren wird.
Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich wenig wert auf meinen Kleidungsstil lege. Insofern fällt mir kein Kleidungsstück ein, das ich generell ablehnen würde.
Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in seiner verruchten Form die Kultiviertheit erweitern?
Eine provozierende Frage, ich verstehe. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass dies für irgendetwas zutrifft, solange man es immer noch als „Laster“ klassifiziert!
9) Welche Form der Gesichtsbehaarung ist akzeptabel für einen Gentleman?
Diejenige, mit der er sich am wohlsten fühlt. Und das meine ich nicht etwa als Gleichgültigkeit, sondern als Forderung: Trag genau die Gesichtsbehaarung, mit der du dich am wohlsten fühlst!
10) Die größte technische Segnung?
Auch wenn ich es ungern benutze: Das Telefon. Aber es ist einfach die Grundlage für alle weiteren Innovationen weltweiter Vernetzung, einschließlich des Internets.
11) Welche Erfindung fehlt der Welt?
Ein Transporter ähnlich des Star-Trek-Beamens. Ich verbringe definitiv zu viel Zeit damit, zu Freunden unterwegs zu sein und verliere Zeit, die ich mit ihnen verbringen könnte.
12) Und welche hätte es besser nie gegeben?
Windows Vista
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