Zum heutigen Salongespräch durften wir Sylke Brandt auf das Sofa der HMS Anastasia einladen, um uns Rede und Antwort zu stehen. Sie hat zahlreiche Romane im Bereich Science-Fiction und Fantasy veröffentlicht, darunter auch für Serien wie Rettungskreuzer Ikarus, Professor Zamora und Rhen Dark.
Unter anderem ist sie mit der Erzählung “Exotische Intrigen” in der Steampunk-Anthologie des Arcanum Verlages vertreten (Erscheinungsdarum noch nicht bekannt) und mit der Steampunk-Geschichte “Grünes Feuer” in der Military-SF-Anthologie “Weltraumkrieger” des Atlantis-Verlages (Januar 2010).
Sylke ist als Bardin und Musikerin in Fantasy-Welten unterwegs und hat dort mehr als einen Klassiker für die Lagerfeuerabende mutiger Helden komponiert. Als Illustratorin ist sie an diverse Projekte beteiligt u.a. dem Rollenspiel “Arcane Codex”.
Als erster Gast durfte Sylke auch die “Salonfragen” im Interview beantworten. Eine Reihe, die wir mit hoffentlich vielen weiteren interessanten Gästen fortsetzen wollen. Die Fragen aus dem Salon können als Antwort des Steampunk auf den Voight-Kampff-Test verstanden werden. Denn auch wir müssen uns fragen, haben wir es mit einem Menschen zu tun oder einem Automaton. Eventuell dienen sie aber auch nur der Unterhaltung.
Zum Interview nach dem Sprung:
Was bedeutet Steampunk für dich?
Steampunk ist für mich eine halb geöffnete Tür.
Hinter ihr sind neue Inspirationen und Geschichten, von dort klingen sowohl die zarten Töne von Porzellantassen und klassischer Musik eines nachmittäglichen Teestündchens, als auch das verheißungsvolle Stampfen von Dampfturbinen oder das leise Rieseln von Sand in alten Pharaonengräbern. Es ist das Versprechen einer Welt, in der noch nicht alles erforscht, entdeckt und erklärt ist, sondern die viele weiße Stellen auf der Landkarte hat. Sowohl geographisch, als auch in den Bereichen Kunst und Wissenschaft – und alle sind hingebungsvoll darum bemüht, sie zu füllen, ohne dabei nur zu zitieren, was es bereits gab. Steampunk ist für mich nicht nur bronzene Technik oder der Stil von Kleidung und Wohnaccessoires, es ist vor allem auch ein Gefühl, etwas von Aufbruch und Neugierde und neuen Geheimnissen, die auf den warten, der nur die Hand ausstreckt. Natürlich ist Steampunk eine idealisierte Welt, auch wenn sie in vielerlei Hinsicht auf unserem realen späten 19. Jahrhundert basiert. In ihr mischen sich Geschichte, Halbwahrheiten, Mythen und Phantastik. Diese Tür zu öffnen und hindurch zu treten bedeutet für mich, in einem fiktiven Zeitalter zu Gast zu sein, in dem der Herzschlag aller Leute – ob reich oder arm, ob Mann oder Frau, ob Künstler oder Techniker – aufgrund der neuen Möglichkeiten und Erkenntnisse etwas schneller geht.
Lässt du Steampunk auch abseits von deinen Projekten in den Alltag einfließen?
Das ist insofern schwer zu sagen, als dass meine Projekte Teil meines Alltages sind. Falls Du meinst, ob ich meine Wohnung entsprechend eingerichtet habe, meinen Kleidungsstil angepasst oder eine Expedition in die unerforschten Wälder Südamerikas plane, so lautet die Antwort weitgehend (leider) nein. Einen großen Teil meines Alltages nimmt meine Kreativität ein. Das bezieht sich nicht nur auf das Schreiben, sondern auch auf Malen, Nähen und allerlei andere Handwerke. Und bei denen ist in der Tat ein deutlicher Anstieg an „steampunkeresken“ Themen zu verzeichnen, ebenso bei Filmen oder Büchern, die ich konsumiere. Zudem stellt sich hier und da ein anderer Blick auf den Alltag ein. Das „ach so gutbürgerliche Café am Park“ bekommt, mit den Augen des Pseudo-19. Jahrhunderts gesehen, plötzlich einen neuen Glanz. Ich kann mir gut vorstellen, nach und nach mehr Steampunk-Elemente in meinen Alltag zu integrieren, da ich die Ästhetik auch sehr mag.
Wird es weitere Steampunk-Projekte von dir geben? Wenn ja, kannst du uns mehr davon erzählen?
Das ist zur Zeit schwer zu sagen. Es gibt einen Steampunk-Roman, den ich schon vor Monaten begonnen hatte, noch vor den Kurzgeschichten „Grünes Feuer“ und „Exotische Intrigen“, und ich habe mal ohne echtes Ziel den Faden der Kaisertochter aus der ersten Erzählung weiter gesponnen – ob sich aus diesen beiden schreiberischen Pflänzchen etwas entwickeln wird, kann ich aber noch nicht absehen. Was ich faszinierend fände, wäre Musik für Steampunk zu machen, wofür mir allerdings leider die Leute fehlen, da ich mit diesem Stil an meine Do-it-yourself-Grenzen stoßen würde. Wer weiß, ob sich da einmal etwas ergibt.
Steampunk-Musik unterliegt noch weniger einer Definition, als das literarische Genre und fällt eigentlich nur durch die Aussage des Musikers in diese Schublade. Es geht von traditioneller Musik aus dem 19. Jahrhundert über Cabaret, Swing bis hin zu moderner elektronischer Musik. Wie stellst du dir denn deine Steampunk-Musik vor und wäre die Optik der Musiker/Instrumente ein Teil einer solchen “Band”?
Ja, in der Tat, es gibt (noch) kaum Musik, die dem Genre wirklich zugeordnet wird, von ein paar üblichen Verdächtigen einmal abgesehen.
Für mich selber wäre weniger Musik aus der entsprechenden historischen Epoche von Interesse, sondern tatsächlich über die fiktive Welt des Steampunks. Ich habe viel in dem Bereich “Fantasy” gemacht, geschrieben und gesungen, doch das ist im Vergleich sehr einfach, sowohl was die Geschichten und darin verwobenen Gefühle angeht, als auch Melodien und Instrumentierungen, die angenehm schlicht sein können. Angenehm deswegen, weil ich gerne Musik mache und schreibe, jedoch sehr wenig wirklich spielen kann. Und das wäre dann mein Problem bei Steampunk-Musik. Nicht so das Schreiben entsprechender Texte, als vielmehr die Umsetzung, da ich mir für so ein Genre einen komplexeren, künstlich-kunstvollen Klang vorstellen würde. Eher eine Art Collage aus klassischen Instrumenten, Gesang, Stimmen, Geräuschen. Was mir vorschwebt, wäre fast eine Mischung aus Musik und dem Sound eines nicht-realen Filmes, ein Geschichtenerzählen in Liedform. Vielleicht wäre das viel zu viel, ein heilloses Chaos. Aber es wäre spannend, es auszuprobieren. Spannend und definitiv jenseits all meiner Möglichkeiten, wie ich leider unumwunden zugeben muss!
Wenn ich aber könnte, wie ich wollte, dann würde es mir in erster Linie um die Musik gehen, nicht um den Look, wobei das natürlich – sollte es jemals zu irgendwelchen Aufführungen kommen – ein wunderbares Tummelfeld wäre. Nicht nur was den Kleidungsstil angeht, sondern auch die Instrumente, seien es “gewöhnliche” in umgewandeltem Design oder ganz neue, improvisierte, konstruierte.
Nun, ich habe kein Zweifel daran, dass irgendwer das irgendwann schön umsetzen wird
Salonfragen:
Was ist für verkörpert für dich die Essenz des Gentleman/ der Lady?
Sich mit Stil und Interesse auch jenseits des eigenen Tellerrandes umzuschauen und dabei mit anderen intensiv zu interagieren, ohne sich selber weder zu wichtig zu nehmen, noch sich zu verleugnen.
Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?
Der Ort, an dem all die sind, die mir etwas bedeuten, und wo wir gemeinsam glücklich sein können. Und ein blühender Kirschbaum im Frühling .-)
Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?
Eine Welt, in der die Leute zu sehr damit beschäftigt sind, effektiv und langweilig zu sein, um lachen oder phantasievoll sein zu können.
Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel
benennen, lebend oder tot?Das ist eine spannende Frage, denn ich kann sie nicht beantworten, obwohl ich darüber nachgedacht habe. Natürlich kenne ich Figuren aus Filmen oder Literatur, die Gentlemen sein sollen, aber wie sieht es in Realität aus? Vielleicht fällt gerade das besonders perfekte Verhalten eines wahren Gentleman nicht auf, weil es eben unaufdringlich und natürlich ist und einfach dafür sorgt, dass es einem gut geht. Auf jeden Fall werde ich, auch jenseits dieses Interviews, darüber nachdenken und auf entsprechendes Verhalten achten.
Und sein weibliches Gegenstück?
Ich fürchte, hier ist es genauso
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“Mein Königreich für ein Pferd!”, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?
Ich wünschte, mir würde jetzt etwas ebenso Glanzvolles einfallen, doch ich fürchte, ich habe solche Ausbrüche in meinem Leben bisher vermissen müssen. Es gibt allerdings einen bestimmten Grad von Hungrig-Sein, der es für alle Anwesenden gefährlich macht, sich zwischen mich und mein ersehntes Essen zu stellen. Bislang habe ich dafür zwar weder Grafschaften verpfänden noch Waffengewalt einsetzen müssen, und es gab auch keine großen Kollateralschäden, doch die Inbrunst war ganz sicher vorhanden.
Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?
Eines, das jemand schon intensiv getragen hat, den ich gar nicht leiden kann. Ansonsten bin ich flexibel. Und ich glaube, mit entweder ausreichendem Humor oder genügend Würde kann man fast alle modischen Verwirrungen tragen – irgendwie
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Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in seiner verruchten Form die Kultiviertheit erweitern?
Die Erotik. Für nichts wurde mehr kunstvolle Energie aufgewandt, als für den Versuch, an etwas gerade so knapp vorbei zu schauen, dass man es sich mehr als lebhaft vorstellen kann. Ob das allerdings ein Laster ist, bleibt natürlich dahin gestellt
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Welche Form der Gesichtsbehaarung ist akzeptabel für einen Gentleman?
Aus meiner persönlichen Sicht ein „Heldenbart“ (also einer, der Mund und Kinn umschließt) und es gibt Männer, die gut Koteletten tragen können. Auch ein gepflegter Vollbart kann, je nach Typ, schön aussehen, wobei ich den bei älteren Herren bevorzugen würde. Es gibt sehr spannende Bart-Formen, deren Namen ich gar nicht kenne, von Kapitän Ahabs Manneszierde bis hin zu bleistiftdünnen Linien am Kiefer entlang, all das kann sehr reizvoll sein.
Doch auch wenn es der Mode der Kaiserzeit entspricht, die ja oft für Steampunk heran gezogen wird, kann ich leider einem Schnurrbart, sei er gebürstet, gezwiebelt, gewichst, gekringelt oder was-auch-immer, wenig abgewinnen.
Und überlange Augenbrauen oder Ohrhaarbüschel sollte man lieber den alten Weisen aus chinesischen Mythen überlassen – ich hoffe, in einem europäischen Gentleman kann das Chi auch ohne diese Attribute stark sein .-)
Was soll ich sagen? Am schönsten von allem finde ich noch immer eine glatte Rasur.Die größte technische Segnung?
Antibiotika, Telefon und Kühlschränke.
Welche Erfindung fehlt der Welt?
Ein Teleporter, damit alle Freunde, die durch unsere Lebensweise auseinander gedriftet sind und nun, ihrem Beruf oder ihrer Berufung folgend, getrennt von einander in fernen Städten sitzen, wieder schnell auf eine Tasse Tee zusammen kommen können. Ich hätte sofort einen im Haus.
Und welche hätte es besser nie gegeben?
Von allen vielgestaltigen Werken der Einzel- und Massenvernichtungswaffen einmal abgesehen: das Fernsehen. Es ist zwar einerseits informativ und unterhaltsam, aber es frisst auf der anderen Seite auch die Lebensenergie und Kreativität der Menschen. Ich finde, das ist ein sehr schlechter Tausch.








Bravo – ich ziehe meinen Hut ! Sehr unterhaltsam und geistig überaus anregend. Werde mir gleich die Weltraumkrieger besorgen … Danke auch für den Fragebogen / die Salonfragen. Eine sehr schöne Ergänzung des anderen, bekannten Fragebogens … siehe die Diskussion im Rauchsalon http://clockworker.ning.com/profiles/blogs/fragebogen-der-faz …
der Luftschiffharry
Mir gefällt dieses Interview ausgesprochen gut! Die Antworten sind interessant zu lesen und man merkt auch, dass die Autorin sich da Zeit zum Antworten genommen hat.
[...] jetzt konnte ich mich bequem auf einem virtuellen nieder lassen: Dem auf der HMS Anastasia zum Salongespräch mit dem Kapitän für ein Interview über Steampunk und die [...]
[...] Sylke Brandt [...]
[...] zum Interview begrüßen: Nina Horvath, Gerd Scherm, Oliver Holstein, Chrissi Schlicht, Sylke Brandt, Charlotte Engmann und den Herausgeber Stefan Cernohuby Alle Autoren in ihren [...]
Ohhh… sehr fein, das Interview!
Informativ, wie richtungsweisend,
besoinders am Ende!