Im Salongespräch: Charlotte Engmann

Charlotte Engmann hat sich mit Horror- und Fantasiegeschichten einen Namen als Autorin gemacht, mit der Steampunk Anthologie im Arcanum Verlag hat sie zum ersten Mal das Genre zum Steampunk betreten. Ihr bisheriges Werk umfasst  Kurzgeschichten, Romane (u.a. für DSA) und Kurzromane für das Pulpmagazin “Schattenreich” von Bastei-Lübbe. Aktuell ist gerade der Roman “Dämonen über Luxemburg” im Dead Soft Verlag erschienen.

Der Einladung zum Salongespräch an Bord der HMS Anastasia ist sie freundlicherweise nachgekommen und so konnten wir einige Fragen zu der Anthologie, sowie ihrem Verständnis von Steampunk stellen.

Wann und wie bist du das erste Mal auf den Begriff Steampunk gestoßen und was war dein erster Eindruck davon?

Vor ein paar Jahren erzählte mir Ulrike Pelchen von der Redaktion Phantastik, dass sie jetzt das Detektiv-Rollenspiel “Private Eye” herausgeben, das in bester Sherlock Holmes-Manier im viktorianischen London spielt. “Private Eye” selbst ist eher Gaslicht, aber in diesem Zusammenhang hörte ich den Begriff Steampunk wohl zum ersten Mal. Als alter High-Fantasy-Fan habe ich das Genre jedoch nicht weiter beachtet, bis ich im letzten Jahr eingeladen wurde, selbst eine Steampunk-Geschichte zu verfassen.

Du bist als Fantasy- und Horrorautorin bekannt, gibt es im Steampunk-Genre besondere Herausforderungen als Autorin für dich, zum Beispiel die prominente Stellung der Technik im Steampunk oder dem Hintergrund?

Um die Frage zu beantworten, möchte ich etwas weiter ausholen. Zuerst einmal sind Fantasy sowie Space Fiction und auch Steampunk für mich eher Settings-Definitionen, die die Parameter der Welt bestimmen: gibt es Magie, Telepathie oder Dampftechnik, sind die Waffen der Wahl Schwerter, Laserpistolen oder Kanonen? Und in diesen verschiedenen Weltmodellen finden dann meine Abenteuer- oder Horrorgeschichten statt. Technik war und wird weiterhin eher zur Ausstattung gehören und nie Selbstzweck in meinen Geschichten sein, d. h. ausführliche Bedienungsanleitungen, was wie und warum funktioniert, wird man vergeblich suchen.

Auf meinen vielen Englandreisen habe ich die verschiedensten viktorianischen Herrenhäuser besucht und dabei viel über diese Zeit gelernt, weshalb mir der zeitgeschichtliche Hintergrund des Steampunks vertraut ist. Es ist eine spannende Zeit voller technischer, aber auch gesellschaftlicher Entwicklungen.

Die Steampunk-Anthologie wird das erste deutsche Steampunk-Buch sein. Wie bist du dazu gekommen und was hat dich am Thema Steampunk interessiert/gereizt?

Je mehr ich mich mit Steampunk beschäftige, desto interessanter finde ich das Genre, wobei mich vor allem die Optik fasziniert, diese wunderschöne Mischung aus Jugendstil und Mechanik, Gusseisen, Zahnrädern und Science Fiction. Als dann im Forum der Geschichtenweber das Thema “Steampunk” eröffnet wurde, habe ich mein inzwischen erwachtes Interesse bekundet, woraufhin mich Stefan Cernohuby und Moritz Botts einluden, mich mit einer Geschichte an der Anthologie zu beteiligen.

Die deutschen Verlage sind extrem zurückhaltend, was Steampunk-Veröffentlichungen angeht. Das Interesse an Übersetzungen oder gar eigenen Werken ist gleich Null, obwohl das Genre in den USA/UK boomt. Hast du eine Vermutung, warum man sich so bedeckt hält und die Chance nicht nutzt?

Ich nehme an, dass das Genre einfach noch etwas Anlauf braucht, bis wir eine blühende Szene an deutscher Steampunk-Literatur vorweisen können. Gut Ding will Weile haben, heißt es, und das gilt auch für Romane, Novellen und Kurzgeschichten.

Steampunk lebt in vielen Romanen von Klischees (“der verrückte Wissenschaftler”, “der Gentleman” usw.). War das auch für deine Geschichte wichtig? Siehst du im Steampunk eher den Unterhaltungsroman oder die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Kritik?

Ich schreibe grundsätzlich nur Unterhaltungsliteratur. Wenn man einige schöne Stunden mit meinen Geschichten verbracht hat, haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Das heißt jedoch nicht, dass meine Werke keine Moral oder Kritik beinhalten; zum Beispiel ist der Fantasy-Roman “Sturmbrecher”, den ich zusammen mit Christel Scheja verfasst habe, auch ein Anti-Kriegsroman. Was jedoch meine Kurzgeschichte “Saubere Arbeit” betrifft, ist sie eher eine “Anti-Moral-Geschichte”; sie ist der Punk in Steampunk.

Hättest du Lust, nach deiner Kurzgeschichte auch ein ganzes Buch im Steampunk-Setting zu schreiben?

Ja. Inzwischen habe ich mehrere Ideen für Steampunk- bzw. Steamfantasy-Romane. Aber leider müssen die noch etwas warten. Für die nächsten Monate plane ich, einige halbfertige Projekte zu vollenden bzw. zu überarbeiten, so dass sie veröffentlicht werden können. Dazu zählt u.a. die Anthologie “11 Sonnenflecke”, die meine wenigen Science Fiction-Kurzgeschichten enthält, aber auch zwei Bücher über meinen langjährigen Vampircharakter Michail Vladescu.

Wie arbeitest du bei deinen Geschichten? Stehen die grobe Rahmenhandlung und die Charaktere schon oder entwickeln sie sich im Laufe des Prozesses?

Das meiste entwickelt sich im Laufe der Geschichte, weshalb ich chronologisch an meinen Geschichten schreibe. Bei meinen Kurzgeschichten beginnt es oft damit, dass ich eine gute Idee habe, die entweder die Ausgangssituation oder die Pointe darstellt. Dann fange ich zu schreiben an. Meine Romane dagegen benötigen mehr Planung: Wenn ich weiß, worum es gehen soll, entwickele ich die Vorgeschichte der Hauptfiguren, die wiederum den Charakter der einzelnen Figuren ausbildet, sowie einen groben Plot, wohin die literarische Reise gehen soll. Ab einem gewissen Punkt schreibt sich der Roman wie von allein, da die Figuren ihrem Charakter und den Bedingungen der Welt entsprechend handeln müssen.

Love the machine – hate the factory” ist ein Credo der Steampunk-Subkultur und sie will eine nicht technikfeindliche Technikkritik sein, die wieder mehr wert auf das “Selber Machen” legt, ohne dabei zurück in die Höhle zu wollen. Wie beurteilst du die Entwicklung, dass sich aus dem erst rein literarischen Genre Steampunk eine aktive Subkultur entwickelt hat, die durchaus auch einen politisch/gesellschaftlichen Anspruch hat? Wird sie mehr als nur eine Mode-Erscheinung sein?

Es gibt wohl kein schöneres Kompliment an die Literatur, als wenn sie das Leben von Menschen positiv beeinflusst. Und solange unsere Lebensweise immer stärker von technischen Errungenschaften dominiert wird, wird es Bewegungen geben, die diese Entwicklung mit gesunder Skepsis betrachten. Der Steampunk mag dabei Veränderungen unterliegen, aber ich denke, der Kern wird der gleiche bleiben.

Wie stehst du selber dazu, dass Menschen Steampunk aus der literarischen Welt in die reale Welt versetzen? Sich kritisch zur Technik zu äußern, ist eine Sache, dies aber künstlerisch und für andere sichtbar umzusetzen, eine andere. Die Bezeichnung “Spinner” ist da nicht weit…

Wozu leben wir in einem freien Land, wenn wir nicht die Freiheit nutzen dürfen, um das Leben zu führen, das wir führen möchten (sofern es nicht die Freiheit der Anderen einschränkt)? Soweit ich sehen kann, sind Steampunker kreativ und aktiv. Sie basteln, schrauben, löten und leimen, sie nähen und schneidern, sie lesen, schreiben und malen, sie veranstalten Conventions und Liverollenspiele, sie machen Photos und drehen Filme. Das ist weitaus besser, als sich ins Koma zu saufen, in Fußballstadien zu randalieren oder sich jedes Wochenende in der Disco mit Drogen zuzudröhnen. Da stellt sich die Frage, wer hier die wahren Spinner sind.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Homepage der Autorin

Wikipdia-Eintrag

Werke in der Deutschen Nationalbibliothek

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