Das Steampunk Manifest

Der folgende Text ist eine Übersetzung (laienhaft von mir) des Artikel “What then, is Steampunk” vom Catastrophone Orchestra and Arts Collective (NYC), erschienen im Steampunk Magazin Nummer 1. Da der Artikel auch unter dem Titel “Steampunk Manifesto” im Aethernetz kursiert, ist er sicherlich in der Tradition des Hacker Manifesto, Cyberpunk Manifesto und der Declaration of Independence of Cyberspace zu sehen und soll die Grundlage einer gemeinsamen Definition und Stoßrichtung einer Subkultur festlegen. Wie seine Vorgänger ist auch dieser Text sehr kompromisslos geschrieben und lässt keine andere Definition als die eigene zu. Dabei ist aber zu bedenken, dass das Steampunk Magazin sicherlich einflussreich in der Szene ist, aber mit Sicherheit keine Definitionshoheit hat. Ihre Vision des Steampunks ist politisch geprägt und benutzt die Ästhetik als Werkzeug ihre Überzeugungen in die Welt zu bringen. Wenn man böse wäre, könnte man auch sagen, es sind moderne Anarchisten in viktorianischen Kostümen.

Warum steht dann dieser Artikel überhaupt hier, wenn er inhaltlich nicht allgemein angenommen wird?

Im Zusammenhang mit der Festnahme eines Steampunkers (aus dem Umfeld des Steampunk Magazins) entwickelte sich in den Kommentaren zu dieser Nachricht des Magazinsblogs eine interessante Diskussion:
Ist Steampunk politisch und wenn ja, wie? Wenn er es nicht ist, haben dann die Autoren des Artikels nicht recht, wenn sie sagen, dieser “falsche” Steampunk, sei nur eine nostalgische Mode ohne Sinn?

Auch hier ist die Diskussion in den Kommentaren eröffnet.

Nach dem Sprung der Artikel “Was nun, ist Steampunk”…

Steam ist die Neuerfindung der Vergangenheit mit der hypertechnologischen Sichtweise der Gegenwart. Unglücklicherweise, ist das meiste, was sich “Steampunk” nennt, nicht mehr als verkleidete, neu erfundene Nostalgie: Die stickigen Teeräume viktorianischer Imperialisten und die verblichenen Karten kolonialer Überheblichkeit. Für Disney und die Vorstatdt-Großeltern mag diese Form des sepiafarbenen Gestern geeignet sein, aber nicht für eine pulsierende und lebende Kultur.

Vor allem ist Steampunk eine nicht technik-feindliche Kritik der Technologie. Es verweigert sich dem ultra-hippen Dystopia der Cyberpunks – schwarzer Regen und nihilistische Posen – während es gleichzeitig der romantischen Vorstellung des “Noblen Wilden” der Prä-Technologie Ära eine Absage erteilt. Es feiert sich in der konkreten Realität der Technologie anstatt in einer überanalytischen Abstraktheit der Cybernetik. Steam-Technologie ist der Unterschied zwischen dem Nerd und dem verrückten Wissenschaftler. Steampunk Maschinen sind reale, gurgelnde, hustende und ratternde Teile der Welt. Sie sind keine intellektuellen Feenwesen mathematischer Algorithmen, sondern die massive Manifestation von Körper und Geist, der Abkömmling von Blut, Schweiß, Tränen und Desillusionierung. Die Technologie des Steampunks ist natürlich, sie bewegt sich, lebt, altert und stirbt sogar.

Steampunk, der verrückte Wissenschaftler, verweigert sich dem Schubladendenken und der Einengung immer stärker werdender Spezialisierung. Leonardo DaVinci ist der Steampunk-Prüfstein; eine unscharfe Trennlinie zwischen Ingineurswesen und Kunst, er schuf Mode und Funktion in einer gegenseitigen Abhängigkeit. Authentisches Steampunk nimmt die Schalthebel der Technologie aus den Händen der Technokraten, welche der Technik das Künstlerische und den realen Wert genommen haben. Technokraten, die die lebenden Monster der Technologie in simple Diener und Gebrauchsgegenstände verwandelt haben.

Authentischer Steampunk ist keine Kunstbewegung, sondern eine ästhetische Technologie-Bewegung. Die Maschinen müssen befreit werden von ihrer reinen Effizienz, sie müssen entworfen werden aus Begierde und Träumen. Die Glätte der optimalen Konstruktion muss ersetzt werden mit Verzierung der wahren Funktion. Mangelhaftigkeit, Chaos, Zufall und Veralterung sind nicht als Fehler zu sehen, sondern als Möglichkeit der Befreiung von der Vorhersehbarkeit der Perfektion.
Steampunk stürzt die Werkstatt der Vernunft mit wundervoller Entropie und kreiert so ein nahtloses Paradoxon aus praktisch und phantasievoll. Der lebendige Traum der Technologie ist weder Diener noch Meister, sondern ein Partner in der Erforschung sonst unerreichbarer Gebiete von Wissen und Kunst.

Steampunk lehnt die kurzsichtige Nostalgie getränkte Weltsicht ab, die so typisch ist für viele Subkulturen. Unsere Weltsicht ist nicht die Kultur des Neo-Viktorianismus und der verdummenden Etiquette und nicht einmal entfernt eine Flucht in den Herrenclub und der klassischen Rethorik. Es ist die Grüne Fee der Irreführung und der Leidenschaft, die aus ihrer Flasche ausgebrochen ist und sich nun glitzernd über das Getriebe der Wut legt.

Wir suchen Inspiration in den von Rauch erstickten Gassen aus Viktorias Reich ohne Sonnenuntergang. Wir finden Solidarität und Inspiration bei den verrückten Bombern in Handschellen, den Peitsche schwingenden Frauen, die sich niemanden beugen, bei hustenden Schornsteinfegern, die den Dächern entkommen sind und nun beim Zirkus sind und bei den Meuterer, die die Gesellschaft verlassen haben und die Werkzeuge der Meister denen geben, die sie benötigen.
Wir werden aufgepeitscht von den Hafenarbeitern der Doglands als sie die Prince Albert Halle in Flammen setzen und werden erregt von den dunklen Ritualen der Ordo Templi Orientis. Wir stehen neben den Verrätern der Vergangenheit, während wir unmöglichenen Verrat gegen die Gegenwart ausbrüten.

Zu viel was als Steampunk bezeichnet wird verneint den Punk in all seinen Formen. Punk – der Funke, der die Kanonen entzündet. Punk – unterdrückt und schmutzig. Punk – die aggressive Selbermacher-Ethik. Wir stehen auf den wackligen Schulter von Opium-Abhängigen, schöngeistigen Dandies, Erfinder von Perpetum Mobiles, Hausierern, Spielern, Forschern, Verrückten und Blaustrümpfen. Wir lachen die Experten aus und konsultieren die von Motten zerfressenen Bücher der vergessenen Möglichkeiten. Wir spotten über Utopien während wir darauf warten, dass sich die neuen Ruinen zeigen. Wir haben nicht den Luxus der Nettigkeit oder den Reichtum der Höflichkeit; wir bauen das Gestern neu auf, um unser Morgen zu schaffen. Unsere Korsetts sind mit Sicherheitsnadeln genäht und unsere Hüte verbergen bösartige Mohawks. Wir sind Schakale der Mode, losgelassen im Bekleidungsladen.

Es lebt! Steampunk lebt in der reinkarnierte kollektiven Vergangenheit der Schatten und missachteten Gassen. Es ist ein historisches Wunderkabinet, das verspricht, ebenso wie Dr. Caligaris, den Schlafwandler der Gegenwart zu wecken, um ihm die Traum-Realität der Zukunft zu zeigen. Wir sind die Ärchologen der Gegenwart, die eine sinnestäuschende Geschichte neu zum Leben erweckt.

5 Kommentare zu Das Steampunk Manifest

  • hm.. also grundsätzlich finde ich den text als solchen nicht ganz verkehrt…
    ABER… :)

    selbst das hacker manifest von blankenship hat mehr nachvollziehbare struktur. mir fehlt es da einfach an einem faden, an dem man sich entlang hangeln kann.

    was den inhalt angeht, finde ich folgende sätze herausragend:
    “Vor allem ist Steampunk eine nicht technik-feindliche Kritik der Technologie”
    “Steampunk stürzt die Werkstatt der Vernunft mit wundervoller Entropie”

    leider finde ich. verliert der inhalt beginnend mit der kritik am “punk” deutlich an aussage, wobei ich nicht denke, daß es an deiner übersetzung liegt.

    literarisch gesehen ist steampunk die nachfolge, bzw. gegenbewegung zur edisonian era, in der der menschen perfekte maschinen baut, um sich damit das leben einfacher und die natur untertan zu machen… steampunk hingegen beschreibt das leben mit den maschinen und das erschaffen derer aus einem völlig anderen antrieb: “weil ichs kann! ( und weils toll aussieht.. außerdem piept es schön und glänzt hübsch. hast du das dekor und das finish gesehen? )

    die meisten anderen manifeste, die ich bisher gelesen habe, sind alle politisch motiviert. das hackermanifest prangert die schlechte bildung an schulen an, das cyberpunk manifest kritisiert das system ansich und das cyberspace manifest unter anderem die informationsfreiheit.

    sollte das steampunk manifest politisch sein? ist “dieser “falsche” Steampunk, sei nur eine nostalgische Mode ohne Sinn?” wirklich eine politische aussage?

    wir brauchen eine deutsche loge! und wir brauchen ein eigenes manifest! :)

  • >wir brauchen eine deutsche loge! und wir brauchen ein eigenes manifest!

    Insbesondere letzteres geht mir auch durch den Kopf :-) Etwas weniger Pathos, dafür mehr Inhalt und nicht so eine geschwollene Sprache…

  • man muß bei dem oberen text durchaus bedenken, daß wir in deutschland, bzw europa warscheinlich andere vorstellungen und ansprüche an steampunk haben.
    das steampunk magazine ist amerika basiert… die amerikaner haben zwar den ursprung ihrer technologie auch in europa, aber die forschung verlief immer schon ein wenig anders, ohne, daß ich jetzt wirklich erklären könnte, was ich wirklich meine ;) vlt. liegt es einfach an der entfernung zum ursprung, warum der text da oben mehr pathos hat, als du und ich vertragen wollen ;)

    außerdem kommt die erste richtige dampfmaschine aus preussen.. so! ( jaja.. die engländer hatten davor schon was ähnliches.. ich weiß… ;) )

  • Ist mir zu engstirnig alles.Da muss wirklich mal ein Gegenentwurf her. Weniger Patos, weniger Engstirnigkeit, weniger muss, mehr sollte.

    Just my two nickles…

  • Professor Xanathon

    Hm.

    Da wird offenbar versucht, eine Bewegung, eine Lebensart, eine Subkultur für die eigenen Ziele zu instrumentalisieren. Bin dagegen. ;o)

    Der Punk im Steam kommt auch vom Provozieren und insbesondere vom Nonkonformismus und gehört deswegen dringend mit hinein. Dennoch kann man nicht übersehen, dass etliche dargestellte Persönlichkeiten solche aus dem Establishment sind (Adlige, Intellektuelle, hochrangige Militärs) – eher die Punk-Antithese. Na und?

    Abschließend erscheint es mir, als solle hier aus einem Hobby, einer Lebensart, die primär erstmal Spaß macht und machen soll, durch zwanghaftes Hineininterpretieren eines höheren Sinns und Anspruchs mehr gemacht werden, als tatsächlich drin steckt.

    Quintessenz: Lass sie labern… :o )

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